Der falsche Zauber.

Plutoniummolekül in Lungengewebe.

Plutonium im Lungengewebe. Wie ein Amokschütze feuert es Helium-4-Atomkerne in alle Richtungen. Trifft nur einer davon die DNA eines Zellkerns, ohne die Zelle zu töten, ist der Grundstein für Krebs gelegt.

 

Warum ist Reprocessing eine idiotische Idee?

Diese sich aus dem vorherigen Post ergebende Frage kann auf vier DinA4-Seiten beantwortet werden. Alle seit dem Zweiten Weltkrieg in Betrieb genommenen, unvollendeten oder nur geplanten militärischen oder zivilen Wiederaufarbeitungsanlagen unterschieden sich nämlich – ganz anders als die zeitgleich entwickelten Reaktoren – nur im unbedeutenden Detail. Sie verbindet ausserdem, dass sie sich als Pleiten entpuppten und zwar nach allen hierfür erdenklichen Massstäben.

Jeder einzelne Produktionsschritt einer Wiederaufarbeitungsanlage erzeugt mindestens ein Problem, das nur durch solche Anlagen erzeugt wird und überdies unlösbar erscheint. Das Nichtvorhandensein grundlegender Lösungen äussert sich schon in der Tatsache, dass sich diese Anlagen seit 1945 kaum veränderten – die selben Grundrisse, die selben Apparate, die selben Defizite.

Das Verfahren ist immer gleich. Der erste Schritt ist die Anlieferung der abgebrannten Brennelemente aus dem Reaktor. Sie werden in einer abgeschirmten hohen Halle aus ihren Transportbehältern befreit und gelangen durch eine Schleuse in das benachbarte Zwischenlager, eine sehr viel grössere Halle über einem ebenso grossen Wasserbasin.

Lagerbecken für abgebrannten Brennstoff

Lagerbecken für abgebrannten Brennstoff

Hier begegnet uns Problem Nr. 1, das Quantitätsproblem. Zwar sind die Nachteile der Lagerung im Wasserbecken nicht grundsätzlich verschieden von denen baugleicher Pools, wie sie neben hunderten kommerziellen Reaktorblöcken zu finden sind. Die Brennelementebecken industrieller Wiederaufarbeitungsanlagen tendieren aber aus ökonomischen Gründen dazu, die dutzendfache Zahl an Brennstäben zu beherbergen. Der “Spent Fuel Pool” eines normalen Leistungsreaktors hat die Grösse eines kleinen Schulschwimmbeckens. Der einer grossen WAA hat olympischen Wettkampfstandard. Die vor vielen Jahren in Niedersachsen und später in Bayern geplante Anlage, die hier noch häufiger ein Thema sein wird, sollte in der Lage sein, tausende Tonnen abgebrannten Brennstoff in einem einzigen Gebäude zwischenzulagern (nämlich diesem hier):

Zwischenlager der nie fertiggestellten WAA Wackersdorf

Das gegen Flugzeugabstürze gesicherte Zwischenlager der nie fertiggestellten WAA Wackersdorf, heute ein Lager für Motoradersatzteile.

Stehen die Umwälzpumpen solcher Becken für einige Zeit still, weil sie etwa nicht mehr gewartet werden, etwa aufgrund einer Havarie oder eines Krieges, verdampft das Wasser in wenigen Tagen, so wie es in Fukushima um ein Haar passiert wäre. Der Bruch eines solchen Beckens etwa durch ein Erdbeben, eine Bombe oder einen Flugzeugabsturz erzeugt ein entsprechend schnelleres Szenario. In beiden Fällen würde es damit enden, dass die Brennstäbe am Grund des Beckens brennen würden wie trockene Äste in stählernen Körben. Die Produkte eines solchen Brandes könnten auf keine Weise zurückgehalten werden. Sie würden sich über viele Landesgrenzen hinweg verteilen.

Wenn ihre Zeit gekommen ist, werden die Brennelemente einzeln in eine niedrigere Abteilung geschleust, die über besonders dicke Wände verfügt. Wollte man die Abfolge der Stationen einer WAA mit einem Tempelkloster vergleichen, wäre dieses “Head-End Building” der Vorraum des Allerheiligsten, wo das Material entkleidet und gereinigt wird. Roboter nehmen sich der Brennelemente an und zerschneiden sie in fingergrosse Stücke, die in ein darunterliegendes Säurebad fallen. Die Zirkalloyhüllen lösen sich auf. Der Rest wird herausgefischt.

Problem Nr. 2 betrifft das wichtigste Instrument im Head-End, die Schere, die ganze Bündel von Brennstäben wie Schilf zerschneidet. Es betrifft aber zugleich auch alle anderen mechanischen Komponenten einer jeden WAA. Es ist das Wartungsproblem. Die Klingen müssen regelmässig gewechselt werden, wofür es natürlich eine Automatik gibt. Doch die Automatik ist anfällig. Es ist kein guter Ort für Technik. Die Luft ist heiss und von korrosiven Säuredämpfen erfüllt. Sie greift zuerst die fragilen Kohlenstoffpolymere der Dichtungen, Hydraulikschläuche und elektrischen Isolierungen an, die durch die harte Strahlung ohnehin einer beschleunigten Alterung ausgesetzt sind. Wenn die Schere oder irgendein anderes Teil – tatsächlich ist es sehr oft die Schere – aus solchen Gründen klemmt, müssen die dysfunktionalen Teile ferngesteuert flottgemacht oder ersetzt werden. Nur sind ferngesteuerte Arbeiten in den “Hot Cells” von Wiederaufarbeitungsanlagen keine Leichtigkeit. Sie sind im Gegenteil fast unmöglich. Nicht einmal der Betrieb von Videokameras ist über längere Zeit möglich. Was sich in den Zellen abspielt, offenbaren nur die Instrumente und der verzerrte, stark eingetrübte Blick durch meterdicke Bleiglasfenster. Diese stets grünlichen Glasbausteine, die fast nur in Wiederaufarbeitungsanlagen vorkommen, sind übrigens der Grund dafür, warum sich heute viele Menschen – und auch etwa viele Comiczeichner – die radioaktive Strahlung als ein grünliches Leuchten vorstellen. Dabei ist radioaktive Strahlung, wo sie überhaupt sichtbar wird, eher blau.

Hülsenfragment eines zerschnittenen Brennstabs.

Hülsenfragment eines zerschnittenen Brennstabs.

Problem Nr. 2, das Wartungsproblem, ist kein geringes. Wenn alle ferngesteuerten Reparaturversuche gescheitert sind, muss die ganze Anlage abgefahren und eine Begehung vorbereitet werden. Diese Vorbereitung besteht aus Abklingzeiten sowie langwierigen Bemühungen, die betroffene Zelle zu reinigen und sie im Verlauf dieses Vorgangs erst möglichst spät zu betreten. Das dauert im besten Fall Wochen, im Normalfall Monate und in Einzelfällen sogar Jahre und ist nicht ohne eine erhöhte Strahlenbelastung der angrenzenden Räumlichkeiten, vor aller aber der Mannschaft zu haben. Spätestens hier ist es nötig zu verstehen, was der Begriff der harten Strahlung in der Praxis bedeutet. Er bedeutet nicht kontaminierten Staub, dessen Einatmung verhindert werden muss, sondern eine Teilchenstrahlung, die selbst stärkste Schutzanzüge durchdringt, wenn sich nur ein Spritzer des Materials auf der gegenüberliegenden Wand befindet. Gibt es in einer der Zellen eine grössere Verunreinigung, läuft ein Behälter über oder ist ein Rohr verstopft, kann diese harte Strahlung sogar in der Lage sein, die dicken Betonwände und Glasbausteine zu durchdringen. Dann steigt auch die Dosis der Facharbeiter, die den Prozess in der sogenannten Galerie durch einen Wald aus Anzeigern, Greifersteuerungen und Ventilhebeln überwachen. Radiologische Anlagen sind nicht wie Thermoskannen, die entweder auslaufen oder nicht. Selbst wenn die Wände meterdick sind, lassen sie immer etwas durch. Ob es schädlich ist, hängt von der Dosis ab, die bei Störfällen drastisch ansteigt.

Bei schweren Störfällen wird die individuelle Jahreshöchstdosis des Stammpersonals in Windeseile erreicht. Die Mannschaft ist verbraucht. Dann muss die Dosis aufgeteilt werden, was im Normalfall durch das Heranführen unzureichend trainierter Helfer erfolgen wird. Das alles ist sehr, sehr langwierig und teuer. Und es ist keine böswillige Theorie. In der durchgehend von Misserfolgen geprägten Geschichte der Experimental-, Pilot-, Demonstrations- und Produktions-WAAs gibt es viele Beispiele für Reparaturarbeiten, die aufwendig genug waren, um die wirtschaftliche Bilanz einer Anlage für Jahre ins Negative zu verkehren. Verschmerzbar war das nur, weil die Anlagen stark subventioniert und für die Energieversorgung irrelevant waren. Es wurden aber, so etwa in Westdeutschland bis in die 1980er Jahre, auch gigantische Anlagen geplant, die viel mehr sein sollten als Testballons, nämlich Herzstücke einer zentralistischen und ganz auf die Atomkraft vertrauenden nationalen Energieversorgung. Die hohe Wahrscheinlichkeit langer Stillstandszeiten wurde dabei ignoriert. Es dominierte die in der Atomindustrie übliche Zuversicht, dass eine Lösung für die zahlreichen Probleme schon gefunden werde, wenn die Sache erst richtig anläuft. Gerade Wiederaufarbeitungsanlage haben jedoch die Eigenschaft, eine Nachrüstung oder Modernisierung sehr zu erschweren oder gar unmöglich zu machen. Funktionieren sie nicht wie erwünscht, können sie im Grunde nur stillgelegt und mit äusserster Vorsicht zurückgebaut werden.

Wir betreten nun das nächste Gebäude, das mit Abstand grösste der Anlage, den Haupttempel. Wir betreten ihn nicht wirklich, wir umlaufen ihn auf der Galerie, jener streng separierten, vergleichsweise beengten zweiten Raumfolge, die für Menschen errichtet wurde.

 

Das Herz jeder WAA - der "Canyon", hier im Bau (Hanford, USA)

Das Herz jeder WAA – der “Canyon”, hier im Bau (Hanford, USA)

Dieser Haupttempel wird im Fachjargon als Canyon bezeichnet. Er besteht aus einer langen, in einigen Fällen sogar über 100 m langen Reihe von Zellen, in denen das gelöste Material den sogenannten PUREX-Prozess durchläuft, die “Plutonium-Uranium-Extraction”. Alle Zellen werden von einer einzigen, im Normalfall menschenleeren Halle überwölbt, die bei den meisten Wiederaufarbeitungsanlagen – von den militärischen Fabriken der USA auf der berühmten Hanford Site bis zur drei Jahrzehnte später erbauten Pilotanlage WAK bei Karlsruhe, schon aus der Luft als langgestreckter Gebäuderiegel zu erkennen ist. Die Widerstandskraft solcher Gebäude etwa gegen bunkerbrechende Raketenwaffen war immer wieder Gegenstand von Studien, weil in ihnen mehr Strahlung in hochflüchtiger Form konzentriert wird als in irgendeinem anderen Bestandteil des sogenannten Brennstoffkreislaufs.

Amerikanische PUREX-Anlage aus der Luft.

Amerikanische PUREX-Anlage aus der Luft, Hanford, Washington.

Einige Zellen enthalten die Stationen des PUREX-Prozesses in Form von Mischern, Entmischern und Filtern, andere die Behälter, Pumpen und Puffertanks. Jede einzelne wird durch eine meterdicke Betonplatte verschlossen, die wie der Deckstein eines megalithischen Grabes auf ihr lastet. Diese Platten bilden zugleich den Boden der darüberliegenden Halle. Will man eine Zelle betreten, muss die Platte mit einem Portalkran, der sich unter der Hallendecke bewegt, angehoben werden. Dabei wird die ganze Halle verstrahlt und muss anschliessend ebenfalls dekontaminiert werden.

Abdeckplatte einer PUREX-Zelle

Abdeckplatte einer PUREX-Zelle

Problem Nr. 3 ist ein kerntechnisches Problem. Was eben noch als zwar tödliches, aber zumindest kalkulierbares, weil fest eingeschlossenes, trockenes, metallartiges Oxid vorlag, zirkuliert nun als flüssige Mixtur aus Uran und Plutonium, hochaggressivem Tributylphosphat, Salpeter- und anderen Säuren sowie beträchtlichen Mengen Kerosin durch ein weitverzweigtes Rohrsystem. Diese Mixtur ist ätzend, leicht entzündlich und ungeheuer energiereich, weil in ihr immer noch Kernspaltung stattfindet. Sie enthält genug Plutonium, um kritische Massen zu bilden und unkontrollierte Kettenreaktionen in Gang zu setzen. Was dann passiert, zeigt ein Unfall im japanischen Tokaimura, wo 1999 ein einziger Behälter von der Grösse einer Badewanne falsch befüllt wird, nämlich mit zu viel flüssigem Plutonium. Die Neutronen- und Gammastrahlung breitet sich wie Licht aus. Sie durchdringt nicht nur den Arbeiter Hisashi Ouchi und zwei seiner Kollegen, sondern auch die massiven Wände der Fabrik. Sie wird noch in einer Entfernung von 250 m, nämlich am Standort einiger Wohnhäuser, in einer bemerkenswerten Intensität gemessen.

Blick in eine geöffnete PUREX-Zelle.

Blick in eine geöffnete PUREX-Zelle.

Kritikalitätsvermeidende, nämlich in die Länge gezogene Anordnungen von Behältern sollen eigentlich verhindern, dass es zu solchen Situationen kommt. Aber wie stets ist es unmöglich, alle Eventualitäten zu berücksichtigen. Schliesslich ist das, was nun vorliegt, auch ohne Störfälle sehr schlecht einzuschliessen. Es erzeugt zum Beispiel radioaktiven Dampf, der abgeführt werden muss, aber so aggressiv ist, dass er die meisten Filter schnell zerstört. Es erzeugt radioaktive Aerosole, die nur sehr schwer zu filtern sind. Und es erzeugt Stoffe, die überhaupt auf keine bekannte Weise zuverlässig gefiltert werden können, etwa radioaktives Americium oder Tritium. Diese Stoffe verlassen die Anlage durch den Schornstein und sorgen dafür, dass eine einzige WAA schon im Normalbetrieb soviel Strahlung absondert wie hundert kommerzielle Reaktoren. Das Aufschneiden intakter abgebrannter Brennstäbe ist die schmutzigste Angelegenheit der Welt und wird es immer sein. Die Kamine von Wiederaufarbeitungsanlagen sind deshalb noch höher als die im letzten Post erwähnten Schlote von Kernkraftwerken.

Ob es nicht vorteilhafter wäre, die Brennstäbe sofort ins Endlager zu transportieren, war aus diesem Grund schon immer heiss umstritten. Dieser Streit war ausschliesslich an die Frage gekoppelt, ob der Preis für frisches Uran eines Tages dramatisch ansteigen werde, wie es von den Befürwortern des Reprocessings inständig beschworen wurde. Dazu kam es nie. Trotzdem wird in einigen Ländern fast verzweifelt an der Technologie festgehalten. Der Gedanke, dass es hierbei auch um ihren Zweitnutzen geht, ist naheliegend. Ohne PUREX kein Atomwaffenarsenal. So einfach ist es.

Am Ende verlassen die gereinigten Plutonium- und Uranlösungen  – jedenfalls in den zivilen Anlagen – den Canyon durch Rohre in Richtung der Brennelementefertigung. Dort wird die Lösung mehrfach umgewandelt, schlussendlich in eine feste Form gesintert und zu Brennstoffpillen gepresst. Problem Nr. 4 ist nicht so sehr die Gefährlichkeit dieser Arbeit mit rezykliertem metallischen Plutonium, das nun erst recht überkritisch werden und sich auch zum Beispiel spontan entzünden kann. Es ist die Tatsache, dass solche Arbeiten überhaupt durchgeführt werden können, nämlich nur unter Verwendung staubdichter Handschuhkästen. Problem Nr. 4 ist ein Proliferationsproblem.

Französische Plutoniumschmiede in Cadarache.

Französische Plutoniumwerkstatt in Cadarache.

Wer mit einem intakten, einige Jahre alten Brennstab auf der Schulter einen Reaktor verlassen wollte, käme nicht einmal bis zum Zaun, dann wäre er tot, nur wegen der Eigenschaften des von ihm entwendeten Materials. Wer aber das in Plastikbeutel verschweisste Produkt einer WAA, insbesondere das Plutonium, hinaustragen wollte, hätte gar keine Probleme. Er könnte es in der Unterhose befördern. Weder würde die Alphastrahlung, die einzig von solchem Material abgesondert wird, seine Hoden perforieren, noch würde das Wachpersonal zwingend auf ihn aufmerksam. Detektorschleusen, die am Körper getragenes alphastrahlendes Material anzeigen, sind heute noch in einem frühen Entwicklungsstadium.

In dieser für den Einzelnen harmlosesten Form ist das Material für die Gesamtheit am gefährlichsten. Kommerzielles rezykliertes Plutonium ist, wie man heute weiss, sehr wohl zum Bau einfacher Atombomben geeignet. Die Geschichte dieses Erkenntnisprozesses werde ich sicherlich bald einmal erzählen. Jedenfalls benötigt man nur wenige Kilogramm. Eine WAA mit ernstzunehmenden industriellen Dimensionen isoliert in einem einzigen Jahr die hundertfache oder tausendfache Menge. Den Verbleib dieses hochbrisanten Materials, der andernfalls mit den Brennstäben unter der Erde verschwinden würde, ist dabei nur schwer zu bilanzieren. Das liegt zu einem nicht unwesentlichen Teil an der Tatsache, dass die radioaktive Lösung schon im Rohrsystem des Canyons Ablagerungen verursacht, wie sie in keiner anderen verfahrenstechnischen Anlage zu finden sind. Dieser “Crud” verschmilzt förmlich mit den Rohren und führt nicht nur zur unwiderruflichen Verstopfung der Anlagen. Er macht auch die Bilanzierung des Materialeingangs bzw. Materialausgangs zu einer prinzipiell unlösbaren Aufgabe. Man weiss nie, wieviel Plutonium für immer im System verbleibt, um erst gefunden zu werden, wenn die Anlage eines Tages verschrottet wird. Man weiss nicht einmal, wieviel Plutonium überhaupt in das System gelangt. Sein Anteil in den abgebrannten Brennelementen schwankt nämlich und kann vor der Rezyklierung nur aufgrund äusserer Messungen geschätzt werden. Diese prinzipielle Unschärfe der Bilanz ist umso grösser, je grösser die Wiederaufarbeitungsanlage ausgelegt ist. Beim Nuklearen Entsorgungszentrum (NEZ), dem ehrgeizigen Projekt der Regierung Helmut Schmidt, sollte sie das Äquivalent einiger Nagasaki-Bomben umfassen. Dieses Äquivalent hätte theoretisch aus der Anlage entwendet werden können, ohne in den Büchern jemals aufzufallen. Problem Nr. 4, das Proliferationsproblem, ist also kein geringes. Und es ist, wie alle anderen, überregional.

Was zurückbleibt, wenn der zu Pillen gepresste und in neue Brennstäbe eingefädelte, zu neuen Brennelementen zusammengefügte Stoff diese seltsame Fabrik verlässt, ist Problem Nr. 5. Es ist nach meiner Ansicht das gravierendste, das die Kosten-Nutzen-Rechnung der Wiederaufarbeitung endgültig auf den Kopf stellt. Ein ökologisches Problem. Die flüssigen Rückstände des PUREX-Prozesses enthalten zwar nur noch wenig Plutonium und Uran, dafür aber riesige Mengen der anderen üblichen Radionuklike, deren klingende Namen ich mir hier aufzuzählen spare. Sie sind alle da und sie sind so aktiv, dass sie noch für Jahre Wärme produzieren. Schon aus diesem Grund sollte der hochradioaktive Flüssigabfall von Wiederaufarbeitungsanlagen eigentlich zur gefährlichsten Kategorie des radioaktiven Mülls gezählt werden. Dann aber würde das Volumen dieses Mülls nicht, wie von der Wiederaufarbeitungslobby behauptet, auf einen Bruchteil verringert, sondern durch das Reprocessing erst vervielfacht. Die einzige Lösung bestünde darin, sehr viel weniger Lösungsmittel zu verwenden. Dann aber würden auch die Kritikalitätsprobleme zunehmen und zwar exponentiell.

Die unterirdischen Tanks der Hanford-Site im Bau.

Die unterirdischen Tanks der Hanford-Site im Bau.

Die Suppe wird nach bestmöglicher Volumenreduktion etwa durch Eindampfung in riesigen unterirdischen Tanks gelagert. Was passiert, wenn diese Tanks nicht ausreichend gekühlt werden, zeigt der drittschwerste Atomunfall der Geschichte, das Unglück von Majak, einem sowjetischen, bis heute in Betrieb befindlichen Plutoniumkombinat im Ural. Die an den Wänden der dortigen Tanks auskristallisierten Nitratsalze explodieren im Jahr 1957 mit der Wucht einer kleineren taktischen Atombombe. Das gesamte angrenzende Gebiet wird unbewohnbar.

Tanks wie diese, die nur zerlegt und überhaupt erst betreten werden können, nachdem sie löffelweise geleert und mit der Zahnbürste gereinigt wurden, gibt es in La Hague, in Sellafield und es gibt sie natürlich in den USA, nämlich vor allem auf der stillgelegten Hanford Site an den Ufern des Columbia River, wo im Laufe der Jahrzehnte nicht nur ein Canyon arbeitete, sondern mehrere gleichzeitig. Die dortigen Behälter gelten schon lange nicht mehr als sicher. Ihr Boden ist von harten, schlammförmigen und flüssigen Residuen bedeckt, die in den vielfältigsten Farben leuchten. Besonders die ausgehärteten Ablagerungen erschweren heute den Rückbau. Sie müssen ferngesteuert zersägt werden, und zwar, um die Wände nicht zu verletzen, durch einen hochkonzentrierten Wasserstrahl. Weil das hierfür benötigte Wasser die Menge des schwerbelasteten flüssigen Abfalls erhöhen würde, nimmt man als Trennmittel stattdessen die im Tank vorhandenen flüssigen Abfälle. Solche Ideen braucht es viele, um die Rückbaumassnahmen erfolgreich abzuschliessen. Und es braucht viele Jahre, viele Vorerkundungen und viele Milliarden Dollar. Die Krusten am Boden dieser Tanks sind wie das verkleinerte Pendant der Mondoberfläche. Jedenfalls ist es nicht weniger kostspielig, sie zu erforschen und zu betreten. Dabei sehen sie so harmlos aus.

Hochradioaktive PUREX-Abfälle in einem Tank der Hanford-Site.

Hochradioaktive PUREX-Abfälle in einem Tank der Hanford-Site.

Bleibt Problem Nr. 6, ein wirtschaftliches Problem. Es fährt davon auf Tiefladern, in stossfesten Spezialcontainern, in die Richtung eines nahen oder weitentfernten Atomkraftwerks, und wurde im vorherigen Post bereits besprochen. Es ist der aus ökonomischer Sicht unnötige, aus proliferatorischer Sicht bedenkliche und aus ökologischer Sicht hirnrissige MOX-Brennstoff, mit dem der ganze Aufwand in Ländern wie Frankreich, Russland oder Japan heute ausschliesslich rechtfertigt wird. Früher, nach dem Zweiten Weltkrieg, waren die Rechtfertigungen wenigstens weniger umständlich.

Zu den Details einzelner Anlagen später mehr.

 

 

 

Der lineare Kreis

 

Anlieferung des ersten kontinentaleuropäischen Atomreaktors. Flughafen Genf 1955. kontinentaleuropäischem Boden.

Anlieferung des ersten kontinentaleuropäischen Atomreaktors. Flughafen Genf 1955.

Die Atomlobby tendierte schon immer dazu, sich selbst als Partei des kühlen Verstandes zu positionieren, die einer schlecht informierten und lediglich emotionalisierten Gegnerschaft gegenübersteht. Diese Strategie entstand in einer Zeit, in der die Gegnerschaft tatsächlich eher aus einem allgemeinen Unbehagen heraus agierte, weil ihr die wirklich wichtigen Informationen fehlten. Irgendwann jedoch legten die Aktivisten ihre Wandergitarren und Totenkopfmasken beiseite und informierte sich sehr gründlich. Sie bildete eine eigene Expertise, was nicht ohne den Aufbau eigener Forschungsinstitute möglich war. Erst dann gelang es ihnen, ihre Argumente im Diskurs zu verankern. Die Atomlobby hingegen erstarrte und verschanzte sich hinter ihren Mythen, ihren Glaubenssätzen.

Schon die Geburt der friedlichen Atomkraft war nicht das Ergebnis einer kühlen Kosten-Nutzen-Rechnung, die angestellt wurde, um einer vermeintlich heraufdämmernden Energiekrise zu begegnen. Sie war ein ideologischer Schachzug. In dieser Klarheit fällt es in allen publizierten Darstellungen unter den Tisch. Der erste Impuls zur Offenlegung des nuklearen Geheimwissens, Dwight D. Eisenhowers Initiative “Atoms for Peace”, geht in gerader Linie aus einer Überlegung hervor, die schon vor 1953 im wissenschaftlichen Beraterumfeld des Präsidenten entsteht. Sie betrifft keine bevorstehende Energiekrise, die nur durch Atomreaktoren bewältigt werden könnte. Sie betrifft die bevorstehende Stationierung amerikanischer Atomwaffen in Europa und anderen Weltteilen. Umfragen etwa aus der BRD zeigen, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung eine solche Stationierung ablehnt – selbst zum Preis einer erhöhten sowjetischen Invasionsgefahr. Auch in den USA sorgt der Fallout nuklearer Tests für Unmut, wie auch die sich verdichtende Erkenntnis eines thermonuklearen Patts. Auch hier schwindet der Rückhalt für die Atomwaffenpolitik Eisenhowers. Die Fremdartigkeit der nuklearen Bedrohung macht sie für immer mehr Bürger zu einem inaprobaten Mittel der Sicherheitspolitik. Über diesen sehr entscheidenden Zeitraum haben wir hier schon mehrfach gesprochen.

Eisenhowers Antwort ist die Erschaffung eines “Antidots” gegen die atomare Angst. So nennt es das State Department in einem bisher nur von Kollert (Diss. FU Berlin 2002) beachteten Dokument. Es stellt noch vor der berühmten Rede vor der UN im Dezember 1953 den eigentlichen Startschuss für das Projekt einer friedlichen Atomenergienutzung dar. Dieses Projekt ist der Versuch einer begrifflichen Neucodierung, nämlich der Versuch, dem bisher ausschliesslich negativen, durch die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki geprägten Inhalt des Wortes “Atom” einen zweiten, positiven Inhalt hinzuzufügen. Ob die friedliche Kernenergienutzung wirklich funktioniert, ist in dieser frühen Phase weniger von Bedeutung als der Wunsch, das Atom als eine Kraft darzustellen, die weder gut noch schlecht ist, sondern nur auf eine kluge oder dumme Weise genutzt werden kann, zivil oder eben auch militärisch.

Noch bevor irgendwo auf der Welt ein ziviler Reaktor ans Netz geht oder überhaupt klar wäre, wie er beschaffen sein könnte, noch vor der Atomkonferenz von Genf, rollt eine vom State Department organisierte Ausstellung durch Westdeutschland und in der Folge durch zahlreiche Partnerländer. Sie macht in den Jahren 1953 und 1954 zuerst in Berlin, München, Köln, Stuttgart, Bremen und anderen Städten halt und beschreibt die nukleare Zukunft in den schillerndsten Farben. Fast alles ist zu diesem Zeitpunkt Fantasy. Von den im Modell präsentierten atomgetriebenen Fahrzeuge wird sich kaum eines jemals in Bewegung setzen. Das zentrale Ausstellungsstück, die lebensgrosse Darstellung eines Reaktors, der die Strahlung durch Glühbirnen simuliert und von verkleideten Statisten bedient wird, ist kein ziviler Kernreaktor. Es ist die Nachbildung des Hanford-Reaktors, einer typischen Maschine zur Produktion von Waffenplutonium, was jedoch keinem der deutschen Presseberichterstatter bewusst wird. Ich habe diese Presseberichte in meiner Bachelor-Arbeit vor vielen Jahren ausgewertet. Sie belegen ein erschreckendes Unverständnis für das, was sie beschreiben. Sie erinnern an die furchtsame, aber auch neugierige Begegnung isolierter Naturvölker mit Flugzeugen und Kanonen. Das Resultat ist ein atomarer Cargo-Kult in der BRD, der sich in Ländern wie Belgien, Italien oder dem Iran fortsetzen wird. Es sind Länder, die für die Stationierung von Atomwaffen an den Rändern des Sowjetimperiums vorgesehen sind. Genau hier wird die Ausstellung gezeigt. Der Zusammenhang ist keine Behauptung. Er ist, wie man so schön sagt, archivalisch fassbar.

Die friedliche Nutzung der Atomenergie ist also zu Beginn ein Glaubenssystem, nämlich eine Funktion des amerikanischen Glaubens an die Atomwaffe. Und sie konnte ihre Herkunft aus dem Glauben nie ganz ablegen. Atomkraftbefürwoter glauben auch heute noch an Dinge, für die es in der Realität keinen Beweis gibt. Dazu zählt der Glaube, es handele sich bei der Atomindustrie um ein hermetisches System, aus dem unter normalen Umständen nichts Schädliches entweiche. Kommt es doch einmal vor, so fällt es unter die Kategorie “Störfall”, als ein extrem unwahrscheinliches Ereignis, das intensiv ausgewertet wird, um neue, noch perfektere Sicherheitsvorkehrungen zu entwickeln. Dieses Bild eines zumindest prinzipiell geschlossenen Systems, eines Kreislaufs, wurde von der Atomindustrie über Jahrzehnte so inbrünstig gepredigt, dass es bis heute die Vorstellung der überwiegenden Öffentlichkeit prägt. Es tritt bis heute an den verschiedensten Stellen zutage, etwa dort, wo die Funktionsweise von Atomkraftwerken in Schaubildern zu Informations- und Lehrzwecken abgebildet wird, von atomfreundlichen wie auch durchaus atomkritischen Urhebern.

Diese Darstellungen haben stets ein gemeinsames Merkmal: Aus einem sehr deutlich als farbige Grenzschicht markierten Containment ragt nur ein einziges Detail heraus, der riesige Kühlturm, der harmlose weisse Wolken in einen unbeleckten Himmel pustet. Ein weiterer, sehr hoher und schmaler Schornstein fehlt entweder ganz oder wird von den Zeichnern stark marginalisiert, als würde er nicht zum eigentlichen Ensemble gehören. Er fehlt aber tatsächlich an keinem Atomkraftwerk in der ganzen Welt, gleich welcher Bauweise. Er wird in der Branche als Fortluftkamin bezeichnet und ist nicht etwa für den Notfall vorhanden, sondern für den Normalbetrieb, weil dieser Normalbetrieb eben nicht hermetisch erfolgen kann.

Wir reden hier über Ikonograpie, ein im Kern religiöses Thema, und ich fordere jeden Leser auf, sich durch eine Google-Bildersuche selbst davon überzeugen: Der Fortluftkamin fehlt auf den Schaubildern von Kernkraftwerken fast immer, auf den Fotographien jedoch nie. Die Kernkraftdebatte dreht sich in der Folge nicht um den Normalbetrieb von Kernkraftwerken, sondern fast ausschliesslich um die Probleme der Störfälle und der Endlagerung. Störfälle sind jedoch selten. Die Endlagerung ist kein akutes Problem, oder wird jedenfalls von Menschen, die sich nicht mit den Eigenschaften wassergefüllter Zwischenlager oder oberirdischer Castor-Behälter beschäftigen, nicht als solches wahrgenommen. Die Herausforderung mikroskopischer Eventualitäten und riesiger Zeiträume ist einfach zu abstrakt.

Die Ikonographie legt also nahe, dass es sich bei der Sache, solange sie dichthält, vielleicht doch um eine mittelfristig sinnvolle Lösung handeln könnte. Schliesslich haben auch andere Energiequellen ihre Risiken, die in Kauf genommen werden.

Man sollte aber nie glauben, was auf Ikonen zu sehen ist. Die Schaubilder, die ich nun zeige, habe ich selber zusammengestellt. Auch sie sind genau das, was man findet, wenn man auf beliebigen kommerziellen, staatlichen oder privaten Internetseiten, in Sammlungen von Schulmaterial oder universitärem Lernstoff nach Darstellungen dessen sucht, was die Atomindustrie eigentlich treibt. Es sind Darstellungen der heiligen Dreifaltigkeit aus Anreicherung, Reaktor und Wiederaufarbeitung. Was verbindet diese drei Bilder, die ich stark verkleinert habe, weil sie so ungeheuer hässlich sind (Anklicken)?

Kreis198995a9fe8e97da2337f68dfbe2476b4Kreis2nfcycle3

Es ist die Kreisform. Es verbindet sie die durch Pfeile unterschiedlicher Mächtigkeit implizierte Behauptung, der verbrauchte nukleare Brennstoff würde in seiner Mehrheit wiederaufgearbeitet und erneut zu Strom gemacht. Nur ein unerheblicher Rest wird nach dieser Darstellung endgelagert.

Diese Behauptung ist in zweifacher Hinsicht falsch. Zunächst einmal wird nämlich gar kein Brennstoff endgelagert. Das hierfür erforderliche Endlager wurde noch nicht gefunden, weder in Deutschland noch in irgendeinem anderen Land. Bis dahin landet der Brennstoff in unzähligen, schlecht gesicherten und chronisch überfüllten Zwischenlagern.

Viel entscheidender ist aber die Tatsache, dass tatsächlich nur sehr wenig abgebrannter Brennstoff wiederaufgearbeitet wird. Der Anteil liegt irgendwo im einstelligen Prozentbereich. Und auch dieser Brennstoff wird nur einmal wiederaufgearbeitet, weil eine erneute Wiederaufarbeitung noch komplizierter wäre. Der nukleare Brennstoffkreislauf, um diesen zentralen Begriff zu nennen, ist also auch nach 70 Jahren ein Versprechen, das bestenfalls rudimentär eingelöst wurde. Dieses Rudiment ist die Herstellung von sogenanntem MOX-Brennstoff (Mischoxid-Brennstoff), der aus rezykliertem Material besteht, nämlich aus wiederaufgearbeitetem Uranoxid und Plutoniumoxid. Er kann nur in wenigen Reaktoren verbrannt werden, die in nicht mehr als sechs Nationen arbeiten – Russland, Frankreich, Deutschland, Belgien, Schweiz, Japan. Und auch dort wird der überwältigende Grossteil des Atomstroms auf andere, nichtzyklische Weise erzeugt. Der Grund ist die Tatsache, dass MOX-Brennstoff nicht sehr viel billiger ist als herkömmlicher Brennstoff, während seine Verwendung aber gleichzeitig Schwierigkeiten oder zumindest sehr hohe Umrüstungskosten mit sich bringt – durch die veränderte Geometrie der aktiven Zone und die spezielle Beladungsprozedur für einen Brennstoff, der bereits vor dem Einsatz tödlich ist. Eine einzige Wiederaufarbeitungsanlage im französischen La Hague deckt heute mühelos fast 100% der weltweiten Nachfrage nach MOX-Brennstoff.

Atomkraft-Enthusiasten argumentieren seit jeher, dass der Anteil dieses Brennstoffs an der Erzeugung von Atomstrom viel höher sein könnte, wenn es mehr Wiederaufarbeitungsanlagen geben würde, die miteinander konkurrieren und den Preis für rezyklierten Brennstoff nach unten treiben. Die Schuld für das Fehlen solcher Anlagen verorten sie nicht so sehr bei den hysterischen Atomkraftgegnern als bei den Politikern, denen der Mumm fehlte, die irrationalen Einwände dieser Gegner zu ignorieren. Nur weil der Brennstoffkreislauf nicht geschlossen sei, gäbe es überhaupt ein Endlagerungsproblem in diesen gewaltigen Ausmassen. Schliesslich könnte die Menge des endlagerungspflichtigen Abfalls durch die Wiederaufarbeitung auf wenige Prozent reduziert werden.

Das alles ist Glaubens-Nonsens. Zum einen wird die Menge des langfristig, also über Jahrhunderte gefährlichen Abfalls durch die Wiederaufarbeitung nicht reduziert. Sie wird multipliziert und – wie wir sehen werden – sogar in eine Form umgewandelt, die noch schwerer zu beherrschen ist. Zum anderen würde selbst für das, was nach der Lesart der Betreiber übrigbleibt, ein Endlager benötigt. Es würde also gar kein Problem gelöst. Der Grund, warum es bis heute nur so wenige Wiederaufarbeitungsanlagen gibt, sind nicht die Widerstände der Bevölkerung oder die mangelnde Durchsetzungsfähigkeit der Politik. Es sind die deprimierenden Erfahrungen, die überall auf der Welt mit ihnen gemacht wurde und in keinem Verhältnis zu ihrem Nutzen stehen. Wiederaufarbeitungsanlagen können bestenfalls für ein paar Jahre wirtschaftlich und sicher betrieben werden, bevor sie unkontrollierbar werden und stillstehen, als riesige Schrotthaufen, die noch schwerer zu entsorgen sind als die ausgedienten Reaktoren, deren Brennstoff sie verarbeiten. Ich werde in den nächsten Blogeinträgen in diese kilometerlangen verkrusteten Rohrsysteme hinabsteigen, in labyrinthische, unbetretbare Keller. Ich werde hinabsteigen in die explosiven Sümpfe, die unter solche Anlagen vor sich hin köcheln – nicht als eine Folge von Störfällen, sondern als eine unausweichliche Folge ihres Normalbetriebs. In den unzähligen gescheiterten Projekten, vom Labor-Prototypen bis zur industriellen Demonstrationsanlage, liegt der Schlüssel zum Verständnis der Atomkraftdebatte.

Wenn es in den oben abgebildeten Schaubildern überhaupt einen Pfeil geben sollte, der den Kreis schliesst, so müsste er gerechterweise sehr dünn gezeichnet werden. Daneben müsste ein sehr dicker Pfeil eingezeichnet werden, der im Nichts endet. Damit fehlt aber der Grund, dieses System überhaupt als einen Kreis darzustellen. Die Atomwirtschaft ist eine gerade Linie, die von einem desaströsen Uranabbau zu einem ungelösten Abfallproblem führt. Die Branche prägte sogar ein Kunstwort, um diese Lücke zu überbrücken. Sie spricht bei dem, was sie heute überwiegend tut, ganz offiziell von einem “Once-through Nuclear Cycle”, einem Kreis mit Anfang und Ende. Ein solcher Kreis würde ausserhalb der Atomwirtschaft kaum als ein solcher bezeichnet. Spätestens hier wird die Tragweite der religiösen Verblendung deutlich.

Der nukleare Brennstoffkreislauf ist nicht mehr als ein Traum aus längst vergangenen Tagen. In Deutschland, wo man von seiner Realisierung noch weiter entfernt ist als anderswo, hat er heute im Grunde nur noch die einzige Funktion, den Vorwand für obenstehende Schaubilder zu liefern, auf denen die Kernkraft als eine gar nicht so dumme, weil nachhaltige Idee erscheint. In anderen Ländern wird dieser Traum jedoch regelmässig zum Leben erweckt, weil er mit einem anderen unsterblichen Traum verbunden ist und immer bleiben wird, dem Traum von der Bombe. Die Verbindung verlaufen unterirdisch. Es sind die bereits erwähnten verkrusteten Rohre, unpassierbaren Keller und dampfenden blauleuchtenden Grotten der Wiederaufarbeitungsanlagen.

Steigen wir also hinab.

 

 

 

Wie alles begann, pt. II

Garching Bauer

Wie alles begann, pt. II

Da gibt es diese Geschichte, die ich gerne weitererzählen möchte. Es ist nicht die Geschichte der schweizerischen Atomforschung. Auf die werde ich mit Sicherheit zurückkommen, wenn es um mein etwas obskures Steckenpferd geht, den Betrieb unterirdischer Atomanlagen.

Der Reaktor, der auf der Atomkonferenz von Genf vor 70 Jahren die Hauptattraktion darstellte und anschliessend von der Schweiz übernommen wurde, ist für amerikanische Verhältnisse ein Spielzeug. Im Oak Ridge National Laboratory der USA steht zur gleichen Zeit das nahezu identische, 300 mal leistungsfähigere Vorbild, das für Materialtests, aber auch für allgemeine Experimente zur Kritikalität verwendet wird. Die Leistung dieses Bautyp, bei dem der Reaktorkern offen in einem Wasserbecken liegt, kann nicht beliebig gesteigert werden. Was passiert, wenn man die Grenze überschreitet, zeigt dieser hochinteressante Film eines Freilandversuches des ORNL: Das Wasser explodiert mit den Brennelementen. Zurück bleibt ein leeres Becken.

Kleinere Versionen solcher Reaktoren sind fortan ein unverzichtbares Instrument für aufstrebende “Atommächte”. Fast alle frühen Modelle werden im Gegensatz zu fast allen späteren Reaktoren mit hochangereichertem Uran (HEU) betrieben, dem Stoff, der mit primitivsten Mitteln, nämlich mit den Mitteln einer Hinterhofwerkstatt, in eine Bombe verwandelt werden kann. Keine der unzähligen Nationen, die damit in den 1950er und 1960er Jahren von den USA beschenkt werden, ist zu diesem Zeitpunkt auch nur in der Nähe der Möglichkeit, solchen Stoff selbst herzustellen. Die Forschungsreaktoren aber enthalten nicht wenig davon, zwei- bis dreistellige Kilogrammmengen, mehr als genug für den Bombenbau. Noch wichtiger ist die Möglichkeit, aus dem Verhalten dieses Materials zu lernen.

Der aus den Schweizer Bergen hallende Ruf, der Ruf des Atoms, wird besonders deutlich in der angrenzenden Bundesrepublik Deutschland vernommen. Und er wird besonders enthusiastisch in die Tat umgesetzt. Für die aufstrebende und nunmehr souveräne Wirtschaftsmacht ist die Atomkraft die begehrte Trophäe einer wissenschaftlichen und industriellen Aufholjagd, der Schlüssel zum Club der grossen Nationen. Dabei versteift sie sich schon bald auf die Rolle einer Nation, die sich nur zehn Jahre nach einem verlorenen Krieg kategorisch gegen Atomwaffen entscheidet. Die BRD wird auf diese Weise zum Musterland der friedlichen Nuklearisierung. Nur ist die Sache tatsächlich viel komplizierter.

Der alte Heisenberg.

Der Pate der bundesdeutschen Atomforschung, der alte Werner Heisenberg.

Die westdeutsche Atomforschung beginnt mit dem gleichen Namen, mit dem das erfolglose Atomwaffenprojekt der Nazis endete, dem Namen des Quantenphysikers Werner Heisenberg, der bereits in den 1920er Jahren in Leipzig die spätere Weltelite der Atomforschung ausbildete und in den 1940er Jahren ebendort seine erste “Uranmaschine” konstruierte. Nach dem Krieg propagiert er als erster Atomberater Konrad Adenauers schon früh die Gründung eines zentralen staatlichen Atomlabors nach dem Vorbild der amerikanischen Nationallabore. Das deutsche Los Alamos soll an der Isar entstehen, etwas unterhalb von Heisenbergs Heimatstadt München. Und es soll das einzige Labor dieser Art sein. Heisenberg propagiert die Idee einer streng zentralistischen, staatlichen Atomforschung. Diese soll unter dem Dach der bundesnahen Max-Planck-Gesellschaft monopolisiert werden, dem Erben der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft für Physik und damit des unseeligen “Uran-Vereins”, dem Heisenberg und Carl-Friedrich von Weizsäcker angehört hatten. Dieses Vorhaben scheitert jedoch an der föderalen Struktur der Bundesrepublik. Das Labor entsteht schliesslich nicht in Bayern, sondern im baden-würtembergischen Karlsruhe. Und es wird auch nicht das einzige bleiben.

Im Kernforschungszentrum Karlsruhe wird zunächst einmal der gleiche Bautyp realisiert, den Heisenberg für die Nazis entwickelte, der mit Natururan betriebene Schwerwasserreaktor, der mit den heute üblichen Leichtwasserreaktoren nur wenig gemein hat. Er hat gegenüber allen anderen Reaktorbauweisen den Vorteil, das Monopol der Amerikaner für angereichertes Uran zu umgehen und der BRD den Weg für einen nationalen nuklearen Alleingang zumindest prinzipiell zu ebnen. Leider hat er darüber hinaus nicht sehr viele Vorteile. Wir werden darauf zurückkommen, wenn wir die Hauptlinie unserer Erzählung verfolgen.

Genf Garching Swimmingpoo

Zuvor aber erfreuen wir uns zum letzten Mal der Atomforschung im Stande der Unschuld. Dabei spielt die oben abgebildete Neutronenquelle vom Wasserbeckentyp noch einmal die Hauptrolle. Nobelpreisträger Heisenberg grübelt über seinem Schwerwasser-Kolloss, der bis auf die letzte Schraube in Deutschland konzipiert und mit deutschem Brennstoff betrieben werden soll, genauer mit Natururan aus dem Schwarzwald oder dem Fichtelgebirge, nämlich etwas zu lange. Und so wird ihm die Ehre, den ersten Forschungsreaktor auf deutschem Boden in Betrieb zu nehmen, den “FR-1″, vor der Nase weggeschnappt, nämlich vom Freistaat Bayern und einem Wissenschaftler, der eigentlich nicht zur ersten Liga der internationalen Atomforschung gehört und nach Ansicht einiger Zeitgenossen in unpassender Weise vorprescht. Heinz Maier-Leibnitz, Direktor der Technischen Hochschule München, fädelt schon kurz nach der Genfer Konferenz einen sehr vorteilhaften Deal mit den Amerikanern ein, wodurch er das ehrgeizige Projekt einer autonomen deutschen Atomforschung untergräbt. Schliesslich ist auch dieser Reaktor, der mit dem Genfer Demonstrationsreaktor weitgehend identisch und rund 40 mal leistungsfähiger ist, ohne das von den USA gelieferte HEU wertlos.

Heinz Maier-Leibnitz vor einer Skizze des FRM.

Der “Forschungsreaktor München” entsteht an der Isar nur wenige Kilometer von der Stelle entfernt, an der Heisenberg seinen Schwerwasserreaktor errichten wollte. Die Universität, die Stadt München und die bayerische Regierung tun viel, um für die importierte Maschine nicht nur eine zweckmässige, sondern geradezu feierliche Umgebung bereitzustellen. Das “Atomei” von Garching ist der Aachener Dom der deutschen Atomforschung. Die futuristische Kuppel wird mit Metallplatten verkleidet und ähnelt den erst später eingeführten explosionsresistenten Betonkuppeln heutiger Kraftwerke nur augenscheinlich. Sie hat den Schutzfaktor eines Kirchendachs.

Garching Best

Diesen Post habe ich im Grunde nur geschrieben, um dieses Bild zeigen zu können. Zum Vergrößern anklicken.

Wie eine Zeremonie, wie die Überführung einer Reliquie, ist auch die Inbetriebnahme der Anlage. Die Brennelemente, Platten aus hochangereichertem Uran, landen an Bord einer amerikanischen Militärmaschine auf dem Münchener Flughafen und werden über Nacht in einem Banktresor in der Innenstadt gelagert. Erst am nächsten Morgen werden sie im bewachten Konvoi nach Garching gefahren, die Strasse gesäumt von Pressevertretern aus dem ganzen Land, lokalen Honoratioren und vielen Schaulustigen. Nachdem die Elemente am Boden des Beckens installiert und von der ferngesteuerten Hydraulik in Position geschoben wurden, leuchtet das kalte blaue Licht zum ersten Mal auch in Deutschland. Der Neutronenstrahl fällt fortan durch ein Rohr auf die Experimente im Nebenraum, wo harmlose Materialtests durchgeführt werden. So friedlich arbeitet der Reaktor bis zum Jahr 2000, als er durch eine modernere Neutronenquelle ersetzt wird.

Heisenberg wird seine Niederlage schliesslich verwinden. Er wird sich von der Kernspaltung abwenden und ein Labor für die Erforschung von Fusionsreaktoren gründen. Dieses Labor wird in Garching gleich neben dem Gelände der TU München entstehen, ohne mit diesem irgendwie verbunden zu sein.

Das war er, der letzte Moment der Unschuld, der seinen unschuldigsten Ausdruck vielleicht im bis heute fortbestehenden Wappen der Stadt Garching gefunden hat. Der erste deutsche Forschungsreaktor, verewigt wie eine mittelalterliche Moschee, ein Tempel der Weisheit und Reinheit.

garching wappen

EPILOG:

Eine der wichtigsten Aufgaben der IAEA sowie der nationalen Atombehörden, hier insbesondere der amerikanischen Behörden, und einer der wichtigsten Tagespunkte auf den von Obama initiierten, auf der Ebene der Staatschefs durchgeführten nuklearen Sicherheitstreffen ist die Rückführung des waffenfähigen hochangereicherten Urans aus den Forschungsreaktoren der 1950er und frühen 1960er Jahre in das Herstellerland USA. Alleine aus der BRD wurden auf diese Weise im Laufe von anderthalb Jahrzehnten über 1000 HEU-Brennelemente in die Vereinigten Staaten zurücktransportiert, woran die Grössenordnung des Problems ersichtlich werden mag. Die Suche führt die Beamten aber auch bis in die entferntesten Winkel der Welt, in Länder mit einer schlecht entwickelten oder gar nicht mehr vorhandenen Wissenschaftslandschaft, in denen die Metallklötze immer noch zu den kostbarsten Nationalkleinodien zählen. Die Verhandlungen sind nicht immer ganz einfach. Die Rückholaktion kostet viel Geld.

Barrack Obama, der auf dem letzten Nuklearsicherheitstreffen im Februar 2014 verkündete, die Angst vor nuklearem Terrorismus raube ihm nachts den Schlaf, kürzt im gleichen Jahr den Haushalt der zuständigen Bundesbehörde NNSA für die globale Sicherung brisanter Spaltmaterialien um 18%. Es ist die dritte Kürzung in Folge, die dafür sorgen wird, dass weniger Bombenmaterial sichergestellt werden kann als im Vorjahr. Sie steht in einem krassen Widerspruch sowohl zur verbleibenden Menge dieses Materials, nämlich etwa der Hälfte, wie auch zur Aufstockung des sonstigen Budgets der gleichen Behörde, die sich darüber hinaus vor allem mit der Atomwaffenforschung beschäftigt. Wer sich in der Szene auskennt, erkennt nun, was dieser Widerspruch über Obamas Handlungsspielräume aussagt.

Alle anderen werden es verstehen, wenn sie meinem Blog weiter folgen.

 

 

 

Link

Tupolev_Tu-95_Bear_side_view_aft_1984

 Club-K

Die erste internationale Atomkonferenz, die Geburtsstunde der zivilen Kernforschung und Kernindustrie, liegt nun fast siebzig Jahre zurück. Die historische Perspektive der Wissenschaftler und Politiker, die 1955 in Genf aufeinandertrafen, war eine ganz andere als sie es heute wäre. Sie war geprägt von der noch jungen Erkenntnis, dass nunmehr beide Seiten in der Lage sind, die jeweils andere mit thermonuklearen Waffen zu vernichten. Vor diesem Hintergrund glaubten sie, zwischen der konstruktiven und der destruktiven Art der Kernenergienutzung wählen zu müssen. Diese nicht eben selbstverständliche Behauptung, man müsse – und könne – sich zwischen ihnen entscheiden, ist das gemeinsame Glaubensfundament von Eisenhowers Initiative “Atoms for Peace”, dem Atomwaffensperrvertrag und der IAEA. Sie ist die Begründung für das Wesen der heutigen Atomindustrie. Wir werden es hier, in diesem Blog, immer wieder diskutieren.

Unser Fluchtpunkt ist ein anderer. Wir leben in einer Phase, in der das Vertrauen in den Grundkonsens der wichtigsten Nationen und Bündnisse in gewisse Spielregeln, die der Welt nach dem Kalten Krieg eine gewisse Stabilität verliehen, erschüttert wird und zwar durch Russland, das offenbar das Vertrauen in die Gerechtigkeit solcher Spielregeln verloren hat. Es strebt die Rückkehr zum Faustrecht an.

Putin will die Verhältnisse in dieser Welt aufmischen, ein Anliegen, das gerade in Deutschland vielen Menschen sympathisch erscheint. Sie sollten sich jedoch vor Augen halten, welche Gefahren er dafür in Kauf nimmt. Vieles davon bewegt sich für Menschen, die nicht an der Proliferationsdebatte teilnehmen, heute noch unterhalb des Aufmerksamkeitsradars, was in diesem Fall wörtlich zu verstehen ist. Wahrgenommen werden die museumsreifen propellergetriebenen Bomber, die seit einigen Monaten wieder über der Nordsee und dem Ärmelkanal zu beobachten sind. Sie waren die Schreckgespenster der Zeit Adenauers, de Gaulles und Churchills. Für die heutige NATO-Luftverteidigung sind sie harmlose Tontauben. Im Westen hat man sich auf die Ansicht geeinigt, es handele sich um eine nostalgische Inszenierung, die vor allem der Erbauung der Russen diene, was in diesem Fall wohl auch stimmt.

Schon im Kalten Krieg wurden allerdings auch Waffen entwickelt, die in der Lage waren, riesige Strecken im Tiefflug zurückzulegen und dabei unter dem Horizont der Radarantennen hinwegzutauchen. Die frühen Modelle waren unpräzise, weil die automatische Navigation in den unteren Atmosphärenschichten ein Problem darstellte. Eine spätere Generation, die in den 1980er Jahren stationiert wurde, beseitigte diesen Nachteil aber durch Technologien wie das “Terminal”-System und GPS. Diese neuen Marschflugkörper waren noch präziser als vergleichbare ballistische Raketen. Und genau aus diesem Grund wurden sie zum Politikum. Sie waren nun das ideale Mittel für Präzisionsschläge auf gehärtete Kommando- und Regierungseinrichtungen, die weder abgewehrt werden konnten noch eine nennenswerte Vorwarnzeit beinhalteten – was erst recht galt, wenn diese Schläge auf mittlere Distanz von 500-1000 km ausgeführt wurden, also zum Beispiel innerhalb Europas. Es war nicht die allgemeine Furcht vor dem Atomkrieg, sondern diese Angst der beiderseitigen Führungen vor einem Enthauptungsschlag, der eine Nation oder ein ganzes Militärbündnis innerhalb von Minuten führerlos und entscheidungsunfähig zurücklässt, die zur Raketenkrise der 1980er führte. Sie verwandelte Europa in ein Pulverfass mit sehr kurzer Lunte, weil fehlende Vorwarnzeiten die Gefahr von Kurzschlusshandlungen erhöhen. Die Verbannung solcher Waffen vom Kontinent durch den INF-Vertrag war ein Meilenstein in der Überwindung des Kalten Krieges.

Heute, 30 Jahre später, beginnt die russische Regierung an diesem Grundpfeiler der europäischen Friedensordnung zu rütteln. Sie bringt ein Waffensystem ins Spiel, das in der Lage ist, die auf Rüstungsbegrenzung und Rüstungskontrolle basierende “Sicherheitsarchitektur” nicht nur Europas, sondern der ganzen Welt zu destabilisieren. Genau deshalb war eine solche Waffe, die in technologischer Hinsicht keine Herausforderung darstellt, stets ein Tabu.

Die Rede ist vom System “Club-K” der russischen Waffenschmiede Novator. Ein standardmässiger 40-Fuss-Frachtcontainer, in dem die Abschussvorrichtung und die Startelektronik für vier Marschflugkörper oder ballistische Kurzstreckenraketen untergebracht sind. Die Flugkörper sind im Lieferumfang enthalten und können durch eine getarnte Luke im Dach abgefeuert werden. Die Cruise Missiles sind auch heute noch in der Lage, jedes Luftabwehrsystem zu überwinden. Sie sind aber nun auch in der Lage, unter Millionen identischer Frachtcontainer auf der ganzen Welt wie in einem Hütchenspiel zu verschwinden. Es handelt sich um eine ganz andere Dimension der Camouflage als die natürlich zahlreichen Versuche der Vergangenheit, Maschflugkörper auf militärischen Plattformen zu mobilisieren und sie dadurch unangreifbar zu machen. Sie führen zu einer völligen Aufhebung der Grenze von zivil und militärisch. Sie verwandeln einen Bananenfrachter in einen strategischen Kreuzer und einen Hinterhof in eine potentielle Raketenbasis. Wer es nicht glaubt, kann hier den zauberhaft animierten Werbefilm der Vertriebsagentur Morinformsystem-Agat sehen. Es lohnt sich.

Dieses System wurde bereits dem Iran und Venezuela zum Kauf angeboten, sicherheitspolitischen Parias mit zertifizierter Gegnerschaft zur USA. Und es ist wichtig zu verstehen, welche Bedrohungszenarien durch solche Angebote hervorgerufen werden. Eine Waffe wie die Club-K ist keine Waffe für den Dritten Weltkrieg. Selbst mit einem nuklearen Sprengkopf (der von Novator selbstverständlich nicht geliefert wird) wäre sie nicht in der Lage, eine Metropole zu zerstören oder eine vorrückende Armee aufzuhalten. Sie ist aber, wie oben beschrieben, die ideale Waffe für blitzschnelle  Enthauptungsschläge, jedenfalls dann, wenn sie heimlich bis vor die Grenzen des gegnerischen Luftraums geschmuggelt wird.  Was für Aussenstehende klingen mag wie die übergeschnappte Phantasie von unverbesserlichen “Cold Warriors”, ist exakt das Szenario, für das die Navigationssysteme solcher Marschflugkörper in den 1970er Jahren entwickelt wurden – und  der Grund, warum sie in den 1980er Jahren zum Politikum wurden.

Blick in das "Club K"-Waffensystem

Blick in das “Club K”-Waffensystem. Links die Steuerungszentrale, rechts die Flugkörper.

Russland kehrt auch auf anderen Schlachtfeldern zur geächteten Politik der “Enthauptungs-Drohung” zurück. So hat es seine U-Boot-Patrouillen vor der amerikanischen Ostküste verstärkt, verwendet dafür aber nicht, wie es zu erwarten wäre, seine grossen strategischen U-Boote, sondern die schnelleren, leiseren Jagd-U-Boote. Für sie gilt das gleiche wie für Marschflugkörper: Sie können auf keine bekannte Weise zuverlässig aufgehalten und noch nicht einmal rechtzeitig entdeckt werden. Wenn beides zusammenkommt, wenn also mit Marschflugkörpern bewaffnete Jagd-U-Boote vor der US-Küste herumschleichen, sinkt die Vorwarnzeit für Washington D.C. auf wenige Minuten. Weil es so ist, schweben etwas ausserhalb der Hauptstadt wieder die am Ende des Kalten Krieges entwickelten und bis vor wenigen Wochen eingemotteten Radarstationen, die an Blimps in einer Höhe von rund 3 km verankert sind und die einfliegenden Cruise Missiles von oben entdecken sollen. Sie werden die Vorwarnzeit kaum erhöhen, sind aber ein unübersehbares Zeichen der Klimaverschlechterung.

Während der Anführer der vermeintlichen westlichen Hegemonie auf diese Weise in Schach gehalten wird, bringt die Club-K die Kräfteverhältnisse in der übrigen Welt durcheinander. Sie ist eine Waffe für ein neues Zeitalter der asymetrischen Abschreckung. In ihm können kleinere Mächte auf sehr einfache und wirkungsvolle Weise Angst erzeugen, indem sie die Führungen sehr viel grösserer Mächte unmittelbar mit dem Leben bedrohen. Wem diese neue Gerechtigkeit immer noch sympathisch erscheint, sollte vergegenwärtigen, dass sämtliche seit dem Kalten Krieg geschlossenen Abrüstungsverträge auf der Möglichkeit basieren, ihre Einhaltung zu verifizieren. Meilensteine wie der INF-Vertrag, der vor fast drei Jahrzehnten die Grundlage für ein friedliches Europa legte, wären vielleicht nie zustande gekommen, wenn es Systeme gegeben hätte, die so unsichtbar sind wie die Club-K.

Und tatsächlich sind es diese Verträge, die Wladimir Putin und seine Chef-Ideologen lieber heute als morgen aufkündigen würden, weil sie als verlängerter Arm einer westlichen Hegemonie angesehen werden. An ihre Stelle würde sicherlich keine russische und auch keine chinesische Hegemonie treten, sondern ein Zustand der sicherheitspolitischen Anarchie. Und das dürfte nun eine Herrschaftsform sein, die der durchschnittliche bundesdeutsche Putin-Versteher eher ablehnt.

Es ist rätselhaft, warum diese Politik gerade in Deutschland auf Verständnis stösst. Schliesslich können Cruise Missiles auch von “Bear”-Bombern abgefeuert werden. Es gibt andere russische Neuentwicklungen auf dem Gebiet der Mittelstreckenwaffen, die den INF-Vertrag noch viel unmittelbarer in Frage stellen als die Club-K oder die vor der Küste kreisenden Jagd-U-Boote, die keine Jagd-U-Boote sind. Wenn es stimmt, was der Antiproliferationsexperte Jeffrey Lewis vom kalifornischen Monterey Institute hier auf seine unübertreffliche Art und Weise erläutert, wird Putin auch diese Waffen sehr bald in Stellung bringen. Sie werden vor allem anderen dazu dienen, den einzigen potentiellen Vermittler im Konflikt mit den USA zu Tode zu erschrecken, um seine Vermittlungsbereitschaft, nun ja, zu erhöhen. Dieser einzige potentielle Vermittler ist zur Zeit weiblich und wohnt, wie viele liebe und kostbare Menschen, in Berlin an der Spree.

Würde man die Trajektoren der unmittelbar verfügbaren, nach allem Wissen der Vertragsorganisationen existierenden Fern- und Massenvernichtungswaffen auf einer dreidimensionalen Karte darstellen, so lag Deutschland zwei Jahrzehnte lang unter einem riesigen Bogen, der vom Ural bis in die Rocky Mountains reichte. Die potentiellen Bahnen zogen in solcher Höhe darüber hinweg, dass man die potentiellen Raketen am Himmel nicht einmal sehen konnte. Jeffrey Lewis glaubt, dass sich das zur Zeit ändert.

Weil wir hier über Entwicklungen reden, die einen zehnjährigem Vorlauf benötigen, also Teil einer langfristigen Strategie sind, ist die Behauptung, Putin wäre in der Ukraine in etwas hineingezogen worden, aus dem er nun nicht mehr herauskommt,  schlicht naiv. Nur sind die USA an der Misere wie immer nicht unschuldig. Ihre bereits nach der Jahrtausendwende initiierte, bis heute aktive Rüstungsinitiative “Global Strike” – obschon sie nie gegen Russland gerichtet war, sondern gegen vermeintliche Schurkenstaaten – lieferte die Vorlage zu dieser fundamentalen Verkürzung der Vorwarnzeiten.

Das ist also unsere historische Perspektive, vor der ich auch das Atomproblem behandeln werde.

 

 

 

Reaktoren für Krieg und Frieden.

 windscale small

 

Warum sollte uns der Zusammenhang von militärischer und ziviler Atomenergienutzung ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kalten Krieges noch interessieren? Ich werde mir heute nichts anderes vornehmen, als diese komplexe Frage möglichst einfach zu beantworten. Es ist im Grunde die Frage nach der Herkunft des waffenfähigen Plutoniums, das die Arsenale von mittlerweile zehn Atomwaffenstaaten in der Hauptsache füllt.

Es stammt aus Atomreaktoren. Aber aus welchen?

Der grösste Teil wurde in Reaktoren erzeugt, die nur für diesen Zweck konstruiert wurden. Es gab sie, lange bevor über zivile Reaktoren auch nur nachgedacht wurde. Ihr Grundprinzip hat sich seitdem kaum verändert. In einen haushohen, aus Graphitblöcken gemauerten Würfel, der von der Vorder- zur Rückseite kreisrunde Bohrungen aufweist, werden Brennstäbe gesteckt. Ist die Zahl ausreichend, beginnen sie Neutronen auszutauschen, eine Kettenreaktion entsteht. Allen militärischen Reaktoren, auch den modernsten, ist gemein, dass die uranhaltigen, nur etwa armlangen Brennstäbe den Kern bereits nach einigen Tage oder Wochen wieder verlassen. Beim ältesten und einfachsten Prinzip werden sie an der Vorderseite von Arbeitern auf einer Hebebühne ständig nachgefüttert. Die ausgebrüteten fallen wie die Kotwürste eines Hundes aus der Rückseite in einen wassergefüllten Graben, aus dem sie herausgefischt und in ein schwimmbadgrosses Becken verbracht werden. Dort klingen sie ab, bis sie ungefährlich genug sind, um sie zu zerschneiden und aufzulösen. Die Methode ist im Vergleich zu den später entwickelten High-Tech-Lösungen verblüffend effektiv.

X10_Reactor_Face

Typischer Produktionsreaktor für waffenfähiges Plutonium.

Solche “Piles” produzieren nur wenig Wärme. Der weltweit erste, den Enrico Fermi am Ende des Zweiten Weltkrieges für das Manhattan Project in der Katakombe eines Sportstadions aufschichtet, ist gänzlich ungekühlt. Erst als der Hunger nach Plutonium grösser wird und die Leistung nach oben getrieben wird, strömen Wasser, Kohlensäure oder Helium in einem feinverästelten Rohrwerk durch die Anordnungen. In Grossbritannien werden die riesigen Piles 1 und 2 der Anlage in Windscale aber noch bis in die 1950er Jahre nur durch Aussenluft gekühlt. Sie wird angesaugt, durch die Brennstoffkanäle gepresst und durch einen gigantischen Schornstein ausgeleitet. Die brachiale Methode, ein atomarer Fön, ist das Resultat von begrenzten Möglichkeiten, gepaart mit maximalem Ehrgeiz: Grossbritannien, das um seinen Weltmachtstatus fürchtet, will die Atomwaffen um jeden Preis.

sellafield1

“Piles” I und II, Windscale, Grossbritannien.

Filter, die den Abluftstrom von radioaktiven Partikeln reinigen, sind in der Planungsphase von Windscale zunächst nicht vorgesehen. Man vertraut darauf, dass keines der Brennelemente, es sind zehntausende, jemals beschädigt würde. Erst kurz vor Baubeginn mehren sich die Zweifel am Konzept. Der nachträgliche Einbau von Filtern bringt jedoch eine Schwierigkeit mit sich. Weil diese Filter hitzeempfindlich sind, müssen sie möglichst weit vom heissen Auspuff der Reaktoren installiert werden. Im existierenden Bauplan kommt dafür nur eine einzige Stelle in Frage. Es ist die Spitze der gewaltigen Schornsteine, die mit den Kühltürmen herkömmlicher Atomkraftwerke nicht einmal entfernt verwandt sind. Es muss aber gleichzeitig auch der Zugang zu diesen Filterplatten gewährleistet sein, weil sie regelmässig – im Grunde sogar täglich – analysiert und gewechselt werden müssen.

Die Lösung ist das markante Balkongeschoss, das über einen Fahrstuhl erreicht werden kann und den Schornsteinen ihr unverwechselbares minarettartiges Erscheinungsbild verleiht. Diese Minarette prägen, zusammen mit der glänzenden metallverkleideten Kuppel des einige Jahre später errichteten ersten “zivilen” Reaktors, bis heute die Skyline der Anlage, die den Mittelpunkt der britischen Atommacht darstellt. Diese Anlage wurde zuerst Windscale genannt. Erst später erhielt sie ihren heutigen Namen Sellafield. Auf diese Weise sollte die Erinnerung an das ausgetilgt werden, was nun folgt und für immer mit dem Namen Windscale verbunden sein wird.

Wie befürchtet kommt es beim Betrieb der Reaktoren immer wieder zum Bruch einzelner Brennelemente. Die Filter sind jedoch in der Lage, die freigesetzten Partikel zurückzuhalten. Das Selbstvertrauen der Spezialisten wächst. Und so treiben sie die Reaktoren zu immer neuen Höchstleistungen. Der Höhepunkt dieser Entwicklung wird um 1957 erreicht, als das Königreich nach der Wasserstoffbombe strebt. Dafür werden Wasserstoffisotope benötigt, die nur in Reaktoren erzeugt werden. Allerdings wurden die Windscale-Reaktoren nie für diese Aufgabe konzipiert. Ihre Belastungsgrenze wird überschritten. Und so kommt es unweigerlich zur Katastrophe. In einem der beiden Reaktoren beginnt das Graphit zu brennen. Nicht nur die Brennstäbe werden durch die Hitze zerstört, sondern auch die Filter. Die Radioaktivität dringt ungehindert aus dem Schornstein und verseucht weite Landstriche. Das völlig verstrahlte Balkongeschoss kann 17 Jahre lang nicht betreten werden. Es ist das Todesurteil für die Idee des luftgekühlten Reaktors. Beide Anlagen werden stillgelegt. Ihr Rückbau ist heute, 2015, noch immer nicht abgeschlossen.

0692987-1024x682

Heute: Rückbau des Unglücksschornsteins.

Andere Produktionsreaktoren werden weiterbetrieben und zwar in einer wachsenden Zahl von Nationen. Was sie eint, ist ihre relativ offene Bauweise, die einen bequemen Zugang zu dem ermöglicht, worum es eigentlich geht: Frisch erbrütetes Plutonium. Es eint sie aber auch die Tatsache, dass sie nur mit grössten Schwierigkeiten von der Umwelt zu isolieren sind. Für die zivile Atomenergienutzung, deren Aufbau seit dem Beginn der 1960er Jahre mit exorbitanten Forschungsgeldern vorangetrieben wird, sind sie ungeeignet. Hier werden Reaktoren benötigt, in denen der Brennstoff möglichst lange verbleibt, um eine maximale Energieausbeute zu erreichen. Was sie produzieren, ist für den Bau von Atomwaffen weitgehend ungeeignet. Es enthält einen zu hohen Anteil des Isotops 240, der das Plutonium instabil werden lässt. Eine Bombe aus solchem Material würde verschmoren, bevor sie explodiert. Deshalb werden beide Arten von Reaktoren, militärisch und zivil, parallel entwickelt.

Ein Problem ergibt sich erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, als sich die führenden Atommächte auf einen Abbau ihrer Arsenale verpflichten. Sie verpflichten sich damit zumindest indirekt – und tatsächlich entspricht es dem allgemeinen Verständnis – auch zum Verzicht auf die Produktion von Atomwaffen. Die Spezialreaktoren, die für die Produktion von waffenfähigem Plutonium erforderlich sind, werden damit ebenfalls überflüssig. Schliesslich besitzen beide Seiten mehr als ausreichende Vorräte mit praktisch unbegrenzter Haltbarkeit.

Die Einhaltung dieses Verzichts wurde für die Nichtatomwaffenstaaten während der letzten zwei Jahrzehnte zu einer wichtigen Voraussetzung für ihre Kooperation im Atomwaffensperrvertrag. Nur gibt es überall in der Welt, so auch in Russland und den USA, Menschen die glauben, man sollte aus Sicherheitsgründen nicht ganz auf die grundsätzliche Fähigkeit verzichten, Plutonium herzustellen und zu prozessieren. Diese Menschen suchen ihr Heil in einer technologischen Grauzone. Sie besteht aus hybriden Reaktoren, die sowohl in einer rationalen Weise zur Energieerzeugung genutzt werden können als auch nennenswerte Mengen – und sogar sehr nennenswerte Mengen – Bombenmaterial produzieren. Alle klassischen Atomwaffenmächte entwickelten solche Hybriden. Einige eher unklassische Mächte kopierten sie, um ihre nuklearmilitärischen Ambitionen im Bereich der Uneindeutigkeit zu belassen.

 

Die Schwierigkeit ist leicht zu erklären: Hybride Reaktoren müssen, um als Energiequelle effektiv zu sein, mit hohen Drücken und Temperaturen operieren, was nur in hermetischen Systemen geschehen kann. Um als Quelle für Bombenmaterial effektiv zu sein, müssen sie gleichzeitig die Möglichkeit bieten, eine Teil der Brennstäbe schon nach einigen Tagen oder Wochen zu entnehmen. In den heute ausnahmslos üblichen Leichtwasserreaktoren kann der Deckel des Druckgefässes jedoch erst nach einer tage- oder wochenlangen Abschaltung und Nachkühlung geöffnet werden. Die Operation am offenen Core wird am Grunde eines tiefen Wasserbeckens ferngesteuert durchgeführt und zwar nicht häufiger als einmal im Jahr. Wollte man mit einem solchen Reaktor Waffenmaterial produzieren, würde nur sehr selten Dampf aus den Kühltürmen steigen. Auch die unvermeidliche Strahlungssignatur solcher Kraftwerke würde sich ändern. Beides bliebe nicht lange verborgen.

Umso wichtiger sind die Hybriden. Es gab den gasgekühlten MAGNOX, eine britische Erfindung der 1950erJahre, die heute keine Rolle mehr spielt. Es gab den etwa zeitgleich entstandenen kanadischen CANDU, der heute nur noch an einem Ort eine Rolle spielt, nämlich in Indien. Dort wurde er in den 1960er Jahren, wie im Nachhinein kaum anders zu erwarten, schamlos missbraucht und lieferte das Startkapital für den Aufstieg zur Atommacht.

Bedeutender war in technologischer Hinsicht ein anderer Hybrid, der berühmte RBMK, dessen früheste Vorfahren ebenfalls in den 1950er Jahren in Russland anliefen. Krasnojarsk-26, eine bis heute aktive unterirdische Atomanlage am Jenissey, auf die wir irgendwann einmal zu sprechen kommen, spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.

kursknpp3-12

Kernkraftwerk Kursk, Blick in die Reaktorhalle eines RBMK.

Fast alle grossen Atomreaktoren auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sind RBMK-Reaktoren. Sie sind leicht zu erkennen, nämlich am kreisrunden Muster der 1500 Abdeckplatten auf dem Boden der sonst fast leeren Reaktorhalle. Jedes einzelne Brennelement steckt bei dieser Bauweise in seiner eigenen wassergekühlten Druckröhre, die durch eine solche Abdeckplatte verschlossen wird. Das Druckröhrenprinzip bringt Schwierigkeiten mit sich, vor allem hinsichtlich der Überwachung und Steuerung. Es ermöglicht aber auch die Isolation einzelner Brennelemente, während die Kettenreaktion im übrigen Reaktor unvermindert anhält. Dann kommt die kirchturmhohe Maschine zum Einsatz, die auf dem Bild rechts zu sehen ist und nur eine Handbreit über dem Hallenboden schwebt. Sie ist der eigentliche Clou. Sie kann an einem Portalkran milimetergenau über jede einzelne Röhre gefahren werden kann. Ein kompliziertes System von Saugverschlüssen und Dichtungen stellt einen hermetischen Verbund her. Eine im Innern befindliche ausgeklügelte Hebevorrichtung entfernt die Abdeckplatte, öffnet die Druckröhre, zieht das Brennelement heraus, verpackt es in einen Spezialbehälter, analysiert den Zustand der Druckröhre, setzt ein neues Brennelement ein und verschliesst die Druckröhre wieder. Zum Schluss reinigt sich die gesamte Apparatur selbsttätig von radioaktiven Verschmutzungen. Sie ist eine Meisterleistung der sowjetischen Ingenieure. Dass der RBMK seit dem Ende der kommunistischen Herrschaft dennoch aus der Mode kam, liegt daran, dass er durch falsche Bedienung leicht zerstört werden kann. Der Unfall von Tschernobyl hat es bewiesen. Wer diesen Reaktortyp heute noch baut, macht sich automatisch verdächtig.

 

 

(Kunstpause)

Kalkar

Der unvollendete SNR-300 in Kalkar am Niederrhein heute.

So bleibt nur ein Reaktortyp übrig, der als hinreichend erforscht gelten kann und eine zivile und zugleich militärische Nutzung erlaubt. Es ist der mit Uran und Plutonium betriebene Brutreaktor, wie er in der Sowjetunion, in den USA, aber auch in Japan, Indien, Frankreich und Grossbritannien realisiert wurde – und wie er auch in der BRD realisiert werden sollte und doch nicht wurde. Brutreaktoren unterscheiden sich grundlegend von allen anderen Reaktortypen. Sie sind Nagasaki-Bomben in Zeitlupe. Sie arbeiten nicht mit moderierten, sondern mit schnellen oder “thermischen” Neutronen. Und sie strahlen davon so viele ab, dass sie sogar abgereichertes Uran – billigen Abfall – in erstklassiges waffenfähiges Plutonium verwandeln, wenn es nur lange genug im sogenannten “Blanket” verbleibt, der das Reaktorgefäss umgibt und auch hier die Beschickung und Entnahme im laufenden Betrieb ermöglicht.

Sehr grosse Brutreaktoren, die aber tatsächlich bis heute noch nicht gebaut wurden, würden  mehr Plu-Brennstoff produzieren, als sie selbst verbrauchen. Sie sind der Mittelpunkt des  Traumes von der geschlossenen Plutonium-Energiewirtschaft, die ihren Brennstoff bei sinkender und schliesslich ganz überflüssiger Uranzufuhr selbst erzeugt. Ein schmutziger Traum. Dennoch die reinste Erfüllung des an die Atomkraft geknüpften Versprechens einer unerschöpflichen Energiequelle. Ein Perpetuum Mobile, stark genug, um die ganze Welt anzutreiben. Wenn die Atomvisionäre der BRD in den 1950er Jahren vom “Strom zum Nulltarif” reden, meinen sie nicht etwa den Strom aus uranbetriebenen thermischen Reaktoren, wie sie heute hundertfach betrieben werden. Sie halten die globalen Uranvorräte für eng begrenzt. Sie denken an ein gigantisches Netzwerk plutoniumbetriebener Brutreaktoren. Sie unterschätzen dabei allerdings vollständig den Preis, den auch dieser Strom hat, nämlich ausschliesslich auf der Seite der Risiken. Wo diese Risiken erkannt und angemessen adressiert werden, explodieren die Kosten.

Die Risiken ergeben sich vor allem aus der extremen Geometrie. Die Zone der Energieerzeugung hat die Grösse einer bundesdeutschen Telefonzelle. Sie ist damit wesentlich kleiner als im Fall thermischer Reaktoren mit identischer Leistung. Die freigesetzte Energie und die Betriebstemperatur ist jedoch wesentlich grösser. Eine Kühlung mit Wasser ist bei solchen Energiedichten unmöglich, deshalb wird flüssiges Natrium durch den Kern gepumpt. Aus ihm ergeben sich weitere ernorme Schwierigkeiten.

Das gesamte Kühlmittel muss in einem flüssigem Zustand gehalten werden, also auch nach einer Abschaltung, die schon alleine zu Wartungszwecken notwendig ist. Daher benötigt jedes Rohr, jede Pumpe, jeder Puffer sein eigenes Heizsystem. Flüssiges Natrium ist aber ausserdem sehr aggressiv. Die Legierungen, die üblicherweise für solche Systeme verwendet werden, scheiden aus, eine Ideallösung gibt es nicht.

Wird eine Dichtung oder ein Rohr undicht und das Kühlmittel gelangt mit Sauerstoff in Kontakt, entzündet es sich. Deshalb werden die meisten Rohre und Anlagen doppelwandig ausgeführt, der Zwischenraum mit Schutzgas gefüllt. Das erhöht den Aufwand ungemein, macht eine spätere Inspektion etwa der Schweissnähte unmöglich und ist keine Lösung für den Wärmetauscher. Hier, wo die Hitze des Reaktors an den wassergefüllten Turbinenkreislauf abgegeben wird, strömen die Flüssigkeiten in einem mehrere Stockwerke hohen Rohrgeflecht unmittelbar aneinander vorbei, getrennt nur durch eine dünne Stahlwand. Weil auch dieses Wasser Sauerstoff enthält, würde schon eiin winziges Leck zu einer Explosion und zur Freisetzung des kontaminierten Natriums führen. Deshalb muss zwischen die beiden Kreisläufe ein dritter Kreislauf geschaltet werden, in dem nichtkontaminiertes Natrium zirkuliert , was viele weitere Pumpen, Verteiler, Sensoren und Temperaturregler erfordert.

Brutreaktoren sind einem groben Richtwert zurfolge zehnmal komplexer als vergleichbare thermische Reaktoren. Sie haben zehnmal mehr Komponenten, die durch einen unglücklichen Umstand ausfallen können, weshalb an jede einzelne Komponente die höchsten Qualitätsanforderungen gestellt werden. Dabei unterscheidet sich die Technik nicht nur von allem, was im konventionellen Reaktorbau üblich ist, wo es keine Tertiärkreisläufe gibt, keine beheizten oder schutzgasumhüllten Rohre. Sie unterscheidet sich überhaupt von allem, was ausserhalb der militärischen Atomwaffenindustrie bekannt und erprobt ist.

Jeder einzelne zivile Prototyp, der bis heute gebaut wurde, verschlang aus diesen Gründen etliche Milliarden. Nicht einer von ihnen erbrachte den Beweis, dass Brutreaktoren dauerhaft wirtschaftlich sinnvoll, nämlich oberhalb einer bestimmten Leistungsgrenze, betrieben werden können. Der Grund sind die zum Teil jahrelangen Stillstände wegen kleinster Pannen, die sich in einem Brutreaktor schlichtweg nicht erreignen dürfen. Die unmoderierte Plutonium-Kettenreaktion verläuft extrem schnell. Gerät der Core nur für einen Augenblick ausser Kontrolle, droht eine gigantische Leistungsexkursion. Dann bleibt eine Reaktionszeit bis zur Zerstörung des Druckbehälters, die nicht einige Minuten dauert wie im Fall thermischer Reaktoren, sondern Sekunden. Die computergesteuerte automatische Schnellabschaltung ist keine zusätzliche Sicherheit wie in konventionellen AKWs, sondern die einzige Sicherheit. Versagt der Computer im falschen Augenblick, droht ein Szenario, dessen Möglichkeit erst relativ spät erkannt wurde, nämlich Ende des 1960er Jahre. Es wird nach seinen Entdeckern als Bethe-Tait-Störfall bezeichnet. Das Plutonium wird durch eine erste Explosion in einer Ecke des Reaktorgefässes zusammengequetscht und erzeugt dort eine zweite, sehr viel stärkere, nämlich nukleare Explosion, eine prompte Überkritikalität, die das Reaktorgebäude mit der Kraft einer taktischen Atombombe zerstört und das Inventar vollständig freisetzt. Dieses Inventar wäre Aufgrund des Plutoniums so tödlich wie das von dutzenden konventionellen Reaktoren. In herkömmlichen Reaktoren ist eine explosive Freisetzung nuklearer Energie hingegen ausgeschlossen.

Der deutsche SNR-300, mit dem sich dieser Blog noch genauer befassen wird, hätte an seinem Standort in Kalkar am Niederhein trotz verschiedener Sicherheitsmechanismen die grundsätzliche Fähigkeit gehabt, Nordrhein-Westfalen und die gesamten Niederlande durch ein Ereignis zu entvölkern, das die Katastrophe von Tschernobyl um Grössenordnungen übertrifft, ein “Mega-GAU”. Er wurde nie angefahren. Der vergleichbare “Super Phenix” in Maleville, in den 1970er Jahren Zielscheibe französischer Umweltaktivisten, lief ebenfalls nur einige Jahre. Ähnliches gilt für den japanischen “Monju”-Brüter in Tsuruga. Von der Panne, die hier 1995 bereits nach wenigen Monaten zur dauerhaften Stilllegung führte, existiert sogar ein Mitschnitt einer Überwachungskamera. In Strahlenschutzanzüge gekleidete Arbeiter tasten sich durch einen Keller, der sich mit Natrium füllt.

Die UdSSR nimmt zwei grössere Prototypen stromproduzierender Brutkraftwerke in Betrieb. Hier ereignen sich gleich mehrere Natriumlecks, die sich entzünden und die zu erwartenden Verwüstungen anrichten. Nur lassen sich die sowjetischen Wissenschaftler davon nicht erschüttern. Sie halten länger an der Idee fest als ihre Kollegen in der BRD, Frankreich, Grossbritannien oder den USA, wo man nach zwei schwerwiegenden Havarien in den Prototypen EBR-1 und Fermi 1 im Jahr 1955 und 1966 schon früh die Lust an der Technik verliert. Pläne für einen neuen, supermodernen Brüter existieren zwar in den USA bis heute, dürften aber kaum Chancen auf Verwirklichung haben. Und so steht Russland mit jahrzehntelangem Vorsprung an der Spitze der Brüterforschung, die ausserdem noch von China, Indien und – mit allerdings ungewisser Zukunft – Japan betrieben wird.

Core des US-Brüters EBR-1 nach der Kernschmelze.

Core des US-Brüters EBR-1 nach der Kernschmelze.

 

Damit sind wir am Ende dieses Posts angekommen, in der Gegenwart, die noch zu taufrisch ist, um gutes Bildmaterial zu liefern. In diesem Winter wird in Russland, weitgehend unbemerkt von der Welt, zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder einen Brutreaktor angefahren, der eine ernstzunehmende industrielle Kapazität aufweist und den Sicherheitsanforderungen der Gegenwart entspricht. Jedenfalls wird er als einziges Mitglied der Brüterfamilie zur sogenannten “Dritten Generation” der Reaktoren gezählt. Diese Zählung heisst nichts. Er könnte sich ebensogut als totaler Reinfall entpuppen wie viele andere Zukunftsprojekte der Atomenergie.

Der Bau des BN-800 begann bereits in den letzten Jahren der Sowjetherrschaft. Wie im Fall aller anderen Brüterprojekte tauchten Schwierigkeiten auf, die eine Fertigstellung um Jahrzehnte verzögerten. Erst unter Putin wird erneut mit Hochdruck auf der Baustelle gearbeitet. Der Superreaktor in der Atomanlage von Belojarsk soll den Beweis liefern, dass Schnellbrüter am Ende doch wirtschaftlich arbeiten können. Ein Prestigeprojekt, mit dem sich Russland auf dem Höhepunkt einer nicht nur von Putin, sondern auch von anderen Staatenlenkern in der ganzen Welt postulierten “Nuklearen Renaissance” als technologischer Marktführer etablieren will.

Wer sich über das Projekt informiert, lernt das Fürchten. Der Spiegel (36/2012) berichtet über schwerwiegende Versäumnisse bei der Einhaltung von Qualitätsstandards, die durch den verordneten Erfolgsdruck verursacht wurden. Es ist von Schlampereien auf einer Baustelle die Rede, die nicht die geringste Fehlertoleranz aufweisen sollte. Zahlreiche Beschäftigte mit langjähriger Erfahrung hätten das Projekt verlassen, weil sie sich weigern, die Verantwortung für die Maschine zu übernehmen. Sie wurden durch unerfahrene Ja-Sager ersetzt, die den Reaktor gerade jetzt unter Volllast erproben. Schlechte Erinnerungen werden wach und lassen darauf hoffen, dass der Name Belojarsk niemals in den Medien auftauchen wird.

Neben diesen erheblichen ökologischen Risiken gibt es aber auch noch die zweite Problemdimension, die unser Thema ist. Russland behauptet, den Reaktor entwickelt zu haben, um waffenfähiges Plutonium aus sowjetischen Altbeständen zu verbrennen, die darin gespeicherte immense Energie einer friedlichen Nutzung zuzuführen und wenigstens einen Teil der immensen in die Herstellung dieses Materials geflossenen Kosten zurückzugewinnen. Ein für sich genommen sympathisches Vorhaben: Der Kalte Krieg wird verbrannt, um die Häuser der nahegelegenen Millionenstadt Jekaterinburg zu beheizen. Tatsächlich fehlt beim BN-800 der Brutring zur Erzeugung von neuem Plutonium. Neues militärisches Plutonium würde für Russland auch gar keinen Nutzen haben. Es hat genug davon.

Der Kreml will den Reaktor allerdings auch exportieren, zum Beispiel nach China, wo er bereits den Bau eines indigenen Brüters unterstützt. Weitere potentielle Abnehmer werden hinzukommen. Damit verhilft Putin in bewusster Kontradiktion der westlichen Linie nicht irgendeiner Renaissance der Atomkraft auf die Sprünge, sondern der unkontrollierbarsten und schmutzigsten Variante, der Plutoniumwirtschaft. Es ist mehr als zweifelhaft, dass diese Wirtschaft ihren Namen jemals verdienen würde. Es ist jedoch nicht zweifelhaft, dass sie ihren Besitzer in die Lage versetzen würde, Atomwaffen am Fliessband zu produzieren. Zwar könnte der BN-800 nicht ohne umfangreiche Modifikationen für solche Zwecke verwendet werden. Er könnte aber die Grundlage indigener Schöpfungen liefern, die auf dem gleichen Wissen basieren. Die Geschichte der Atomenergie zeigt, dass für das Erklimmen der jeweils nächsten Stufe nuklearer Fertigkeiten keine aussergewöhnlichen intellektuellen oder kreativen Talente nötig sind, nicht einmal eine hochentwickelte Wissenschafts- und Industrielandschaften, sondern vor allem Übung.

Russland verwandelt die Welt damit nicht in einen sichereren Ort, wie es vorgibt, sondern in einen gefährlicheren Ort. Man könnte diese Vorgehensweise als einen ökologischen Anachronismus verbuchen, eine gewisse Rückständigkeit im energiepolitischen Denken, wenn es sich nicht in unheilvoller Weise mit anderen Vorgehensweisen verbinden würde, die zum gleichen Ergebnis führen: Der sorglosen Verbreitung nuklearmilitärischer Schlüsselkompetenzen.

Eine dieser “anderen Vorgehensweisen” werde ich im nächsten Post thematisieren. Zwar werden ich dafür das Gebiet der Atomenergie verlassen. Aber genau hier liegt das Problem. Die Atomenergie kann nicht isoliert betrachtet werden.

Ende und Aus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

In eigener Sache.

 

Kein Fake, sondern das, was es zu sein scheint.

Kein Fake, sondern das, was es zu sein scheint.

In eigener Sache

Ich habe diesen Blog im Sommer begonnen. Danach verging ein halbes Jahr ohne einen einzigen Beitrag. Der Grund war eine gewisse Ratlosigkeit, von der ich erst jetzt verstehe, dass sie überflüssig war. Ich habe mir als Historiker angewöhnt, in Chronologien zu denken. Vorne zu beginnen und mit dem Schluss aufzuhören. Weil ich mich ausserdem mit einem sehr komplexen Thema befasse, das ohne eine Einführung in die technologischen Grundlagen für Laien unverständlich bliebe, habe ich mir angeeignet, auch diese Grundlagen in einer bestimmten Reihenfolge zu liefern, nämlich von der einfachsten zur kompliziertesten. Solche Reihenfolgen lassen sich einhalten, wenn man Bücher schreibt und sich viel Zeit dafür nimmt. Der Vorteil eines Blogs besteht aber darin, dass er Recherche- und Denkprozessse in Echtzeit abbildet und zwar ebenso unchronologisch und rhizomatisch, wie solche Prozesse verlaufen.

Ich begann im Sommer, recht unoriginell, mit der Geburtsstunde der zivilen Atomenergie auf der Genfer Konferenz im Jahr 1955 und wollte von dort aus den Weg in die Gegenwart beschreiten. Dieser Weg war mir grundsätzlich klar. Nur war er so elendig lang, dass ich mich gar nicht erst aufmachte. Schliesslich will ich kein Buch schreiben. Deshalb werde ich fortan auf die Chronologie pfeifen und nur noch das veröffentlichen, was gerade über meinen Schreibtisch wandert und zwar so taufrisch wie möglich. Der Zusammenhang dieser mannigfaltigsten Aspekte der Atomenergie, ihrer Geschichte und Gegenwart, sollte im Idealfall von alleine sichtbar werden.

 

 

Wie alles begann, pt. I.

Im August 1955 wird im Gebäude des Völkerbund am Ufer des Genfer Sees eine Ausstellung eröffnet, über die Zeitungen und Wochenschauen in aller Welt berichten. Im Ausstellungstrakt des “Palais des Nations” führen zahlreiche Exponate in die Grundprinzipien der Atomenergie ein. Die eigentliche Attraktion befindet sich aber in einer provisorischen Halle, die im angrenzenden Park errichtet wurde. In ihr schiebt sich während der folgenden Wochen ein nicht enden wollender Besucherstrom an einem Wasserbecken von der Grösse eines Whirlpools vorbei. Wie hypnotisiert starren die Menschen in das blaue Licht, das aus einer Tiefe von 7 m heraufscheint. Es ist ein fahles, kaltes Licht, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.

Genf Besucher
1955: Besucher am Genfer “Sapphire”-Reaktor

Es dringt aus dem ersten und zugleich letzten echten Atomreaktor, der jemals vor Publikum betrieben wird. Zwar hat er mit den späteren Leistungsreaktoren zur Stromproduktion nur wenig gemein, weshalb das im Becken enthaltene Wasser als Abschirmung genügt. Seine Neutronenstrahlung ist aber immerhin stark genug, um eine herabbaumelnde Angelschnur innerhalb weniger Stunden zu zerstören.

Genf Core
Der Core des Sapphire-Reaktors in Aktion

Der Reaktor und seine uranhaltigen Brennelemente wurden zuvor per Flugzeug aus den USA geliefert. Treibende Kraft hinter der Ausstellung ist die Propaganda-Abteilung des State Department. Die USA sind auch die treibende Kraft hinter dem, was den Anlass für diese Ausstellung liefert. Es ist die gleichzeitig im Völkerbundpalast stattfindende internationale Atomkonferenz, die erste ihrer Art, der weitere folgen werden. Wissenschaftler und Politiker aus ein paar Dutzend Ländern, darunter Vertreter der Sowjetunion, beraten über die Frage, wie der schnellstmögliche Aufbau einer zivilen Atomindustrie realisiert werden kann. Den Anstoss für diese Entwicklung lieferte zwei Jahre zuvor US-Präsident Dwight. D. Eisenhower. In seiner berühmten “Atoms for Peace”-Rede vor der UN-Vollversammlung kündigte er damals an, dass die USA einen Teil ihrer sorgsam gehüteten Atomgeheimnisse teilen werden und zwar mit allen Nationen, die an einer friedlichen Verwendung dieses Wissens interessiert sind. Genau das passiert in Genf, wo tausende Papiere mit Informationen, die bis dahin als streng geheim eingestuft und nur einem winzigen Personenkreis zugänglich waren, vervielfältigt und weitergereicht werden.

Die entfesselte Urkraft, die Hiroshima und Nagasaki zerstörte, soll zum Segen der ganzen Menschheit werden. Sie soll Hunger und Armut beseitigen und die Abhängigkeit von Rohstoffen überwinden. Sie soll Krankheiten heilen und die Forschung beflügeln. Sie soll die Gründe für das Führen von Kriegen und damit die Gründe für die Entwicklung von Atomwaffen beseitigen. Zivile Atomkraft als Antidot zur militärischen Atomkraft.
Eisenhower stellt die Menschheit vor die Wahl zwischen zwei Alternativen – Reaktoren oder Bomben. Dass es eine dritte Alternative geben könnte, nämlich eine Welt, in der die Zahl der Reaktoren ebenso stetig zunimmt wie die der Bomben, aber auch eine vierte, nämlich eine Welt ohne Atomkraft, wird seltsamerweise verdrängt, für Jahrzehnte, in den USA, aber auch zum Beispiel in der Schweiz.

Der Reaktor ist nämlich nach der Ausstellung zu stark verstrahlt, um in die USA zurückzutransportiert zu werden. Also wird er zum Spottpreis an den Gastgeber verkauft. Der versetzt ihn nach einer angemessenen Abklingzeit nach Würenlingen vor den Toren Zürichs, wo er zur Keimzelle eines nationalen Atomforschungszentrums wird. Die kleine Schweiz ist damit nach Frankreich das zweite kontinentaleuropäische Land, das eine solche Maschine besitzt. Und die Eidgenossen reagieren enthusiastisch auf diese Tatsache. Auf dem Weg ins nukleare Zeitalter erliegen sie um ein Haar der Versuchung, Atomwaffen zu entwickeln und sich die militärische Autarkie zu verschaffen, die sie nicht erst seit dem Zweiten Weltkrieg begehren.
Schon die Schweiz liefert also im Grunde den Beweis dafür, dass Eisenhowers Rechnung nicht aufgeht. Zahllose weitere werden folgen. Einige werde ich in diesem Blog behandeln.

Warum dieser Blog?

Dieser Blog wird nicht nur der erste deutschsprachige Blog sein, der die verschiedensten Aspekte der Nukleartechnologie und Nuklearpolitik in historischer Perspektive und auf der Höhe der wissenschaftlichen Literatur behandelt. Er wird auch der erste sein, der beide Facetten, zivile und militärische Kernenergienutzung, im Zusammenhang behandelt. Beide haben den gleichen Ursprung und sind während ihrer gesamten jahrzehntelangen Entwicklung untrennbar miteinander verbunden. Deshalb können beide Probleme nur gemeinsam gelöst werden. Die weltweite Abschaffung der Atomwaffen, die Barack Obama im Jahr 2009 in seiner historischen Prager Rede fordert, wird nur in einer Welt ohne Atomreaktoren gelingen. Die Abschaffung der Atomreaktoren hingegen wird nur dann gelingen, wenn Atomwaffen als Mittel der Abschreckungspolitik international vollständig geächtet sind. Erst dann wird der mächtige Anreiz, der offen oder unausgesprochen mit dieser Schlüsseltechnologie verbunden ist, wegfallen. Erst dann wird man ihre tatsächlichen Vor- und Nachteile insbesondere in den Schwellenländern unvoreingenommen beurteilen.
Das heutige System der vertraglichen und behördlichen Kontrollen, insbesondere der Atomwaffensperrvertrag und die Internationale Atomenergiebehörde IAEA, basiert hingegen auf der Annahme, dass zwischen der zivilen und der militärischen Technologie eine klare Grenze gezogen werden könnte. Es basiert weiterhin auf der geradezu fantastischen Annahme, dass potentielle Aspiranten durch den uneingeschränkten Zugang zu ziviler Atomtechnologie von der Verwirklichung eventueller Bombenpläne abgehalten werden könnten. Es basiert schliesslich auf einer für selbstverständlich erachteten Zweiklassengesellschaft, in der wenige Staaten Atomwaffen besitzen dürfen und alle anderen nicht. Keine dieser Ideen ist heute noch zeitgemäss.

Darüber hinaus verfolgt dieser Blog ganz einfach das Ziel, die Zusammenhänge dieser Technologie in einer verständlichen Form darzustellen. Sie sind sehr viel weniger komplex, als es aus den verschiedensten Gründen gerne dargestellt wird. Man muss sich nur die Mühe machen, die richtigen Worte zu finden.
Weil ihre Geschichte ausserdem reich an Absurditäten ist, sollte der Spassfaktor in diesem Blog garantiert sein. Am Ende geht es auch darum, die Atomkraft zu entzaubern, die immer noch von einem düsteren Geheimnis umgeben ist und gerade deshalb so machtvoll erscheint. Genau das war mein Antrieb, als ich mich vor einem Jahrzehnt in meiner Funktion als Historiker mit dem Thema zu beschäftigen begann. Ich wollte die Gespenster vertreiben, die mich seit meiner Kindheit verfolgten, als ich im Rheinland zwischen Atomwaffenstandorten, unterirdischen Kommandozentralen und experimentellen Reaktoren aufwuchs, zwischen Pershing II und Tschernobyl.
Für mich persönlich war diese Strategie erfolgreich. Ich glaube nicht mehr an Gespenster.

Viel Spass beim Lesen!

dr.strangelove