Archiv für den Monat: April 2015

Der falsche Zauber.

Plutoniummolekül in Lungengewebe.

Plutonium im Lungengewebe. Wie ein Amokschütze feuert es Helium-4-Atomkerne in alle Richtungen. Trifft nur einer davon die DNA eines Zellkerns, ohne die Zelle zu töten, ist der Grundstein für Krebs gelegt.

 

Warum ist Reprocessing eine idiotische Idee?

Diese sich aus dem vorherigen Post ergebende Frage kann auf vier DinA4-Seiten beantwortet werden. Alle seit dem Zweiten Weltkrieg in Betrieb genommenen, unvollendeten oder nur geplanten militärischen oder zivilen Wiederaufarbeitungsanlagen unterschieden sich nämlich – ganz anders als die zeitgleich entwickelten Reaktoren – nur im unbedeutenden Detail. Sie verbindet ausserdem, dass sie sich als Pleiten entpuppten und zwar nach allen hierfür erdenklichen Massstäben.

Jeder einzelne Produktionsschritt einer Wiederaufarbeitungsanlage erzeugt mindestens ein Problem, das nur durch solche Anlagen erzeugt wird und überdies unlösbar erscheint. Das Nichtvorhandensein grundlegender Lösungen äussert sich schon in der Tatsache, dass sich diese Anlagen seit 1945 kaum veränderten – die selben Grundrisse, die selben Apparate, die selben Defizite.

Das Verfahren ist immer gleich. Der erste Schritt ist die Anlieferung der abgebrannten Brennelemente aus dem Reaktor. Sie werden in einer abgeschirmten hohen Halle aus ihren Transportbehältern befreit und gelangen durch eine Schleuse in das benachbarte Zwischenlager, eine sehr viel grössere Halle über einem ebenso grossen Wasserbasin.

Lagerbecken für abgebrannten Brennstoff

Lagerbecken für abgebrannten Brennstoff

Hier begegnet uns Problem Nr. 1, das Quantitätsproblem. Zwar sind die Nachteile der Lagerung im Wasserbecken nicht grundsätzlich verschieden von denen baugleicher Pools, wie sie neben hunderten kommerziellen Reaktorblöcken zu finden sind. Die Brennelementebecken industrieller Wiederaufarbeitungsanlagen tendieren aber aus ökonomischen Gründen dazu, die dutzendfache Zahl an Brennstäben zu beherbergen. Der “Spent Fuel Pool” eines normalen Leistungsreaktors hat die Grösse eines kleinen Schulschwimmbeckens. Der einer grossen WAA hat olympischen Wettkampfstandard. Die vor vielen Jahren in Niedersachsen und später in Bayern geplante Anlage, die hier noch häufiger ein Thema sein wird, sollte in der Lage sein, tausende Tonnen abgebrannten Brennstoff in einem einzigen Gebäude zwischenzulagern (nämlich diesem hier):

Zwischenlager der nie fertiggestellten WAA Wackersdorf

Das gegen Flugzeugabstürze gesicherte Zwischenlager der nie fertiggestellten WAA Wackersdorf, heute ein Lager für Motoradersatzteile.

Stehen die Umwälzpumpen solcher Becken für einige Zeit still, weil sie etwa nicht mehr gewartet werden, etwa aufgrund einer Havarie oder eines Krieges, verdampft das Wasser in wenigen Tagen, so wie es in Fukushima um ein Haar passiert wäre. Der Bruch eines solchen Beckens etwa durch ein Erdbeben, eine Bombe oder einen Flugzeugabsturz erzeugt ein entsprechend schnelleres Szenario. In beiden Fällen würde es damit enden, dass die Brennstäbe am Grund des Beckens brennen würden wie trockene Äste in stählernen Körben. Die Produkte eines solchen Brandes könnten auf keine Weise zurückgehalten werden. Sie würden sich über viele Landesgrenzen hinweg verteilen.

Wenn ihre Zeit gekommen ist, werden die Brennelemente einzeln in eine niedrigere Abteilung geschleust, die über besonders dicke Wände verfügt. Wollte man die Abfolge der Stationen einer WAA mit einem Tempelkloster vergleichen, wäre dieses “Head-End Building” der Vorraum des Allerheiligsten, wo das Material entkleidet und gereinigt wird. Roboter nehmen sich der Brennelemente an und zerschneiden sie in fingergrosse Stücke, die in ein darunterliegendes Säurebad fallen. Die Zirkalloyhüllen lösen sich auf. Der Rest wird herausgefischt.

Problem Nr. 2 betrifft das wichtigste Instrument im Head-End, die Schere, die ganze Bündel von Brennstäben wie Schilf zerschneidet. Es betrifft aber zugleich auch alle anderen mechanischen Komponenten einer jeden WAA. Es ist das Wartungsproblem. Die Klingen müssen regelmässig gewechselt werden, wofür es natürlich eine Automatik gibt. Doch die Automatik ist anfällig. Es ist kein guter Ort für Technik. Die Luft ist heiss und von korrosiven Säuredämpfen erfüllt. Sie greift zuerst die fragilen Kohlenstoffpolymere der Dichtungen, Hydraulikschläuche und elektrischen Isolierungen an, die durch die harte Strahlung ohnehin einer beschleunigten Alterung ausgesetzt sind. Wenn die Schere oder irgendein anderes Teil – tatsächlich ist es sehr oft die Schere – aus solchen Gründen klemmt, müssen die dysfunktionalen Teile ferngesteuert flottgemacht oder ersetzt werden. Nur sind ferngesteuerte Arbeiten in den “Hot Cells” von Wiederaufarbeitungsanlagen keine Leichtigkeit. Sie sind im Gegenteil fast unmöglich. Nicht einmal der Betrieb von Videokameras ist über längere Zeit möglich. Was sich in den Zellen abspielt, offenbaren nur die Instrumente und der verzerrte, stark eingetrübte Blick durch meterdicke Bleiglasfenster. Diese stets grünlichen Glasbausteine, die fast nur in Wiederaufarbeitungsanlagen vorkommen, sind übrigens der Grund dafür, warum sich heute viele Menschen – und auch etwa viele Comiczeichner – die radioaktive Strahlung als ein grünliches Leuchten vorstellen. Dabei ist radioaktive Strahlung, wo sie überhaupt sichtbar wird, eher blau.

Hülsenfragment eines zerschnittenen Brennstabs.

Hülsenfragment eines zerschnittenen Brennstabs.

Problem Nr. 2, das Wartungsproblem, ist kein geringes. Wenn alle ferngesteuerten Reparaturversuche gescheitert sind, muss die ganze Anlage abgefahren und eine Begehung vorbereitet werden. Diese Vorbereitung besteht aus Abklingzeiten sowie langwierigen Bemühungen, die betroffene Zelle zu reinigen und sie im Verlauf dieses Vorgangs erst möglichst spät zu betreten. Das dauert im besten Fall Wochen, im Normalfall Monate und in Einzelfällen sogar Jahre und ist nicht ohne eine erhöhte Strahlenbelastung der angrenzenden Räumlichkeiten, vor aller aber der Mannschaft zu haben. Spätestens hier ist es nötig zu verstehen, was der Begriff der harten Strahlung in der Praxis bedeutet. Er bedeutet nicht kontaminierten Staub, dessen Einatmung verhindert werden muss, sondern eine Teilchenstrahlung, die selbst stärkste Schutzanzüge durchdringt, wenn sich nur ein Spritzer des Materials auf der gegenüberliegenden Wand befindet. Gibt es in einer der Zellen eine grössere Verunreinigung, läuft ein Behälter über oder ist ein Rohr verstopft, kann diese harte Strahlung sogar in der Lage sein, die dicken Betonwände und Glasbausteine zu durchdringen. Dann steigt auch die Dosis der Facharbeiter, die den Prozess in der sogenannten Galerie durch einen Wald aus Anzeigern, Greifersteuerungen und Ventilhebeln überwachen. Radiologische Anlagen sind nicht wie Thermoskannen, die entweder auslaufen oder nicht. Selbst wenn die Wände meterdick sind, lassen sie immer etwas durch. Ob es schädlich ist, hängt von der Dosis ab, die bei Störfällen drastisch ansteigt.

Bei schweren Störfällen wird die individuelle Jahreshöchstdosis des Stammpersonals in Windeseile erreicht. Die Mannschaft ist verbraucht. Dann muss die Dosis aufgeteilt werden, was im Normalfall durch das Heranführen unzureichend trainierter Helfer erfolgen wird. Das alles ist sehr, sehr langwierig und teuer. Und es ist keine böswillige Theorie. In der durchgehend von Misserfolgen geprägten Geschichte der Experimental-, Pilot-, Demonstrations- und Produktions-WAAs gibt es viele Beispiele für Reparaturarbeiten, die aufwendig genug waren, um die wirtschaftliche Bilanz einer Anlage für Jahre ins Negative zu verkehren. Verschmerzbar war das nur, weil die Anlagen stark subventioniert und für die Energieversorgung irrelevant waren. Es wurden aber, so etwa in Westdeutschland bis in die 1980er Jahre, auch gigantische Anlagen geplant, die viel mehr sein sollten als Testballons, nämlich Herzstücke einer zentralistischen und ganz auf die Atomkraft vertrauenden nationalen Energieversorgung. Die hohe Wahrscheinlichkeit langer Stillstandszeiten wurde dabei ignoriert. Es dominierte die in der Atomindustrie übliche Zuversicht, dass eine Lösung für die zahlreichen Probleme schon gefunden werde, wenn die Sache erst richtig anläuft. Gerade Wiederaufarbeitungsanlage haben jedoch die Eigenschaft, eine Nachrüstung oder Modernisierung sehr zu erschweren oder gar unmöglich zu machen. Funktionieren sie nicht wie erwünscht, können sie im Grunde nur stillgelegt und mit äusserster Vorsicht zurückgebaut werden.

Wir betreten nun das nächste Gebäude, das mit Abstand grösste der Anlage, den Haupttempel. Wir betreten ihn nicht wirklich, wir umlaufen ihn auf der Galerie, jener streng separierten, vergleichsweise beengten zweiten Raumfolge, die für Menschen errichtet wurde.

 

Das Herz jeder WAA - der "Canyon", hier im Bau (Hanford, USA)

Das Herz jeder WAA – der “Canyon”, hier im Bau (Hanford, USA)

Dieser Haupttempel wird im Fachjargon als Canyon bezeichnet. Er besteht aus einer langen, in einigen Fällen sogar über 100 m langen Reihe von Zellen, in denen das gelöste Material den sogenannten PUREX-Prozess durchläuft, die “Plutonium-Uranium-Extraction”. Alle Zellen werden von einer einzigen, im Normalfall menschenleeren Halle überwölbt, die bei den meisten Wiederaufarbeitungsanlagen – von den militärischen Fabriken der USA auf der berühmten Hanford Site bis zur drei Jahrzehnte später erbauten Pilotanlage WAK bei Karlsruhe, schon aus der Luft als langgestreckter Gebäuderiegel zu erkennen ist. Die Widerstandskraft solcher Gebäude etwa gegen bunkerbrechende Raketenwaffen war immer wieder Gegenstand von Studien, weil in ihnen mehr Strahlung in hochflüchtiger Form konzentriert wird als in irgendeinem anderen Bestandteil des sogenannten Brennstoffkreislaufs.

Amerikanische PUREX-Anlage aus der Luft.

Amerikanische PUREX-Anlage aus der Luft, Hanford, Washington.

Einige Zellen enthalten die Stationen des PUREX-Prozesses in Form von Mischern, Entmischern und Filtern, andere die Behälter, Pumpen und Puffertanks. Jede einzelne wird durch eine meterdicke Betonplatte verschlossen, die wie der Deckstein eines megalithischen Grabes auf ihr lastet. Diese Platten bilden zugleich den Boden der darüberliegenden Halle. Will man eine Zelle betreten, muss die Platte mit einem Portalkran, der sich unter der Hallendecke bewegt, angehoben werden. Dabei wird die ganze Halle verstrahlt und muss anschliessend ebenfalls dekontaminiert werden.

Abdeckplatte einer PUREX-Zelle

Abdeckplatte einer PUREX-Zelle

Problem Nr. 3 ist ein kerntechnisches Problem. Was eben noch als zwar tödliches, aber zumindest kalkulierbares, weil fest eingeschlossenes, trockenes, metallartiges Oxid vorlag, zirkuliert nun als flüssige Mixtur aus Uran und Plutonium, hochaggressivem Tributylphosphat, Salpeter- und anderen Säuren sowie beträchtlichen Mengen Kerosin durch ein weitverzweigtes Rohrsystem. Diese Mixtur ist ätzend, leicht entzündlich und ungeheuer energiereich, weil in ihr immer noch Kernspaltung stattfindet. Sie enthält genug Plutonium, um kritische Massen zu bilden und unkontrollierte Kettenreaktionen in Gang zu setzen. Was dann passiert, zeigt ein Unfall im japanischen Tokaimura, wo 1999 ein einziger Behälter von der Grösse einer Badewanne falsch befüllt wird, nämlich mit zu viel flüssigem Plutonium. Die Neutronen- und Gammastrahlung breitet sich wie Licht aus. Sie durchdringt nicht nur den Arbeiter Hisashi Ouchi und zwei seiner Kollegen, sondern auch die massiven Wände der Fabrik. Sie wird noch in einer Entfernung von 250 m, nämlich am Standort einiger Wohnhäuser, in einer bemerkenswerten Intensität gemessen.

Blick in eine geöffnete PUREX-Zelle.

Blick in eine geöffnete PUREX-Zelle.

Kritikalitätsvermeidende, nämlich in die Länge gezogene Anordnungen von Behältern sollen eigentlich verhindern, dass es zu solchen Situationen kommt. Aber wie stets ist es unmöglich, alle Eventualitäten zu berücksichtigen. Schliesslich ist das, was nun vorliegt, auch ohne Störfälle sehr schlecht einzuschliessen. Es erzeugt zum Beispiel radioaktiven Dampf, der abgeführt werden muss, aber so aggressiv ist, dass er die meisten Filter schnell zerstört. Es erzeugt radioaktive Aerosole, die nur sehr schwer zu filtern sind. Und es erzeugt Stoffe, die überhaupt auf keine bekannte Weise zuverlässig gefiltert werden können, etwa radioaktives Americium oder Tritium. Diese Stoffe verlassen die Anlage durch den Schornstein und sorgen dafür, dass eine einzige WAA schon im Normalbetrieb soviel Strahlung absondert wie hundert kommerzielle Reaktoren. Das Aufschneiden intakter abgebrannter Brennstäbe ist die schmutzigste Angelegenheit der Welt und wird es immer sein. Die Kamine von Wiederaufarbeitungsanlagen sind deshalb noch höher als die im letzten Post erwähnten Schlote von Kernkraftwerken.

Ob es nicht vorteilhafter wäre, die Brennstäbe sofort ins Endlager zu transportieren, war aus diesem Grund schon immer heiss umstritten. Dieser Streit war ausschliesslich an die Frage gekoppelt, ob der Preis für frisches Uran eines Tages dramatisch ansteigen werde, wie es von den Befürwortern des Reprocessings inständig beschworen wurde. Dazu kam es nie. Trotzdem wird in einigen Ländern fast verzweifelt an der Technologie festgehalten. Der Gedanke, dass es hierbei auch um ihren Zweitnutzen geht, ist naheliegend. Ohne PUREX kein Atomwaffenarsenal. So einfach ist es.

Am Ende verlassen die gereinigten Plutonium- und Uranlösungen  – jedenfalls in den zivilen Anlagen – den Canyon durch Rohre in Richtung der Brennelementefertigung. Dort wird die Lösung mehrfach umgewandelt, schlussendlich in eine feste Form gesintert und zu Brennstoffpillen gepresst. Problem Nr. 4 ist nicht so sehr die Gefährlichkeit dieser Arbeit mit rezykliertem metallischen Plutonium, das nun erst recht überkritisch werden und sich auch zum Beispiel spontan entzünden kann. Es ist die Tatsache, dass solche Arbeiten überhaupt durchgeführt werden können, nämlich nur unter Verwendung staubdichter Handschuhkästen. Problem Nr. 4 ist ein Proliferationsproblem.

Französische Plutoniumschmiede in Cadarache.

Französische Plutoniumwerkstatt in Cadarache.

Wer mit einem intakten, einige Jahre alten Brennstab auf der Schulter einen Reaktor verlassen wollte, käme nicht einmal bis zum Zaun, dann wäre er tot, nur wegen der Eigenschaften des von ihm entwendeten Materials. Wer aber das in Plastikbeutel verschweisste Produkt einer WAA, insbesondere das Plutonium, hinaustragen wollte, hätte gar keine Probleme. Er könnte es in der Unterhose befördern. Weder würde die Alphastrahlung, die einzig von solchem Material abgesondert wird, seine Hoden perforieren, noch würde das Wachpersonal zwingend auf ihn aufmerksam. Detektorschleusen, die am Körper getragenes alphastrahlendes Material anzeigen, sind heute noch in einem frühen Entwicklungsstadium.

In dieser für den Einzelnen harmlosesten Form ist das Material für die Gesamtheit am gefährlichsten. Kommerzielles rezykliertes Plutonium ist, wie man heute weiss, sehr wohl zum Bau einfacher Atombomben geeignet. Die Geschichte dieses Erkenntnisprozesses werde ich sicherlich bald einmal erzählen. Jedenfalls benötigt man nur wenige Kilogramm. Eine WAA mit ernstzunehmenden industriellen Dimensionen isoliert in einem einzigen Jahr die hundertfache oder tausendfache Menge. Den Verbleib dieses hochbrisanten Materials, der andernfalls mit den Brennstäben unter der Erde verschwinden würde, ist dabei nur schwer zu bilanzieren. Das liegt zu einem nicht unwesentlichen Teil an der Tatsache, dass die radioaktive Lösung schon im Rohrsystem des Canyons Ablagerungen verursacht, wie sie in keiner anderen verfahrenstechnischen Anlage zu finden sind. Dieser “Crud” verschmilzt förmlich mit den Rohren und führt nicht nur zur unwiderruflichen Verstopfung der Anlagen. Er macht auch die Bilanzierung des Materialeingangs bzw. Materialausgangs zu einer prinzipiell unlösbaren Aufgabe. Man weiss nie, wieviel Plutonium für immer im System verbleibt, um erst gefunden zu werden, wenn die Anlage eines Tages verschrottet wird. Man weiss nicht einmal, wieviel Plutonium überhaupt in das System gelangt. Sein Anteil in den abgebrannten Brennelementen schwankt nämlich und kann vor der Rezyklierung nur aufgrund äusserer Messungen geschätzt werden. Diese prinzipielle Unschärfe der Bilanz ist umso grösser, je grösser die Wiederaufarbeitungsanlage ausgelegt ist. Beim Nuklearen Entsorgungszentrum (NEZ), dem ehrgeizigen Projekt der Regierung Helmut Schmidt, sollte sie das Äquivalent einiger Nagasaki-Bomben umfassen. Dieses Äquivalent hätte theoretisch aus der Anlage entwendet werden können, ohne in den Büchern jemals aufzufallen. Problem Nr. 4, das Proliferationsproblem, ist also kein geringes. Und es ist, wie alle anderen, überregional.

Was zurückbleibt, wenn der zu Pillen gepresste und in neue Brennstäbe eingefädelte, zu neuen Brennelementen zusammengefügte Stoff diese seltsame Fabrik verlässt, ist Problem Nr. 5. Es ist nach meiner Ansicht das gravierendste, das die Kosten-Nutzen-Rechnung der Wiederaufarbeitung endgültig auf den Kopf stellt. Ein ökologisches Problem. Die flüssigen Rückstände des PUREX-Prozesses enthalten zwar nur noch wenig Plutonium und Uran, dafür aber riesige Mengen der anderen üblichen Radionuklike, deren klingende Namen ich mir hier aufzuzählen spare. Sie sind alle da und sie sind so aktiv, dass sie noch für Jahre Wärme produzieren. Schon aus diesem Grund sollte der hochradioaktive Flüssigabfall von Wiederaufarbeitungsanlagen eigentlich zur gefährlichsten Kategorie des radioaktiven Mülls gezählt werden. Dann aber würde das Volumen dieses Mülls nicht, wie von der Wiederaufarbeitungslobby behauptet, auf einen Bruchteil verringert, sondern durch das Reprocessing erst vervielfacht. Die einzige Lösung bestünde darin, sehr viel weniger Lösungsmittel zu verwenden. Dann aber würden auch die Kritikalitätsprobleme zunehmen und zwar exponentiell.

Die unterirdischen Tanks der Hanford-Site im Bau.

Die unterirdischen Tanks der Hanford-Site im Bau.

Die Suppe wird nach bestmöglicher Volumenreduktion etwa durch Eindampfung in riesigen unterirdischen Tanks gelagert. Was passiert, wenn diese Tanks nicht ausreichend gekühlt werden, zeigt der drittschwerste Atomunfall der Geschichte, das Unglück von Majak, einem sowjetischen, bis heute in Betrieb befindlichen Plutoniumkombinat im Ural. Die an den Wänden der dortigen Tanks auskristallisierten Nitratsalze explodieren im Jahr 1957 mit der Wucht einer kleineren taktischen Atombombe. Das gesamte angrenzende Gebiet wird unbewohnbar.

Tanks wie diese, die nur zerlegt und überhaupt erst betreten werden können, nachdem sie löffelweise geleert und mit der Zahnbürste gereinigt wurden, gibt es in La Hague, in Sellafield und es gibt sie natürlich in den USA, nämlich vor allem auf der stillgelegten Hanford Site an den Ufern des Columbia River, wo im Laufe der Jahrzehnte nicht nur ein Canyon arbeitete, sondern mehrere gleichzeitig. Die dortigen Behälter gelten schon lange nicht mehr als sicher. Ihr Boden ist von harten, schlammförmigen und flüssigen Residuen bedeckt, die in den vielfältigsten Farben leuchten. Besonders die ausgehärteten Ablagerungen erschweren heute den Rückbau. Sie müssen ferngesteuert zersägt werden, und zwar, um die Wände nicht zu verletzen, durch einen hochkonzentrierten Wasserstrahl. Weil das hierfür benötigte Wasser die Menge des schwerbelasteten flüssigen Abfalls erhöhen würde, nimmt man als Trennmittel stattdessen die im Tank vorhandenen flüssigen Abfälle. Solche Ideen braucht es viele, um die Rückbaumassnahmen erfolgreich abzuschliessen. Und es braucht viele Jahre, viele Vorerkundungen und viele Milliarden Dollar. Die Krusten am Boden dieser Tanks sind wie das verkleinerte Pendant der Mondoberfläche. Jedenfalls ist es nicht weniger kostspielig, sie zu erforschen und zu betreten. Dabei sehen sie so harmlos aus.

Hochradioaktive PUREX-Abfälle in einem Tank der Hanford-Site.

Hochradioaktive PUREX-Abfälle in einem Tank der Hanford-Site.

Bleibt Problem Nr. 6, ein wirtschaftliches Problem. Es fährt davon auf Tiefladern, in stossfesten Spezialcontainern, in die Richtung eines nahen oder weitentfernten Atomkraftwerks, und wurde im vorherigen Post bereits besprochen. Es ist der aus ökonomischer Sicht unnötige, aus proliferatorischer Sicht bedenkliche und aus ökologischer Sicht hirnrissige MOX-Brennstoff, mit dem der ganze Aufwand in Ländern wie Frankreich, Russland oder Japan heute ausschliesslich rechtfertigt wird. Früher, nach dem Zweiten Weltkrieg, waren die Rechtfertigungen wenigstens weniger umständlich.

Zu den Details einzelner Anlagen später mehr.

 

 

 

Der lineare Kreis

 

Anlieferung des ersten kontinentaleuropäischen Atomreaktors. Flughafen Genf 1955. kontinentaleuropäischem Boden.

Anlieferung des ersten kontinentaleuropäischen Atomreaktors. Flughafen Genf 1955.

Die Atomlobby tendierte schon immer dazu, sich selbst als Partei des kühlen Verstandes zu positionieren, die einer schlecht informierten und lediglich emotionalisierten Gegnerschaft gegenübersteht. Diese Strategie entstand in einer Zeit, in der die Gegnerschaft tatsächlich eher aus einem allgemeinen Unbehagen heraus agierte, weil ihr die wirklich wichtigen Informationen fehlten. Irgendwann jedoch legten die Aktivisten ihre Wandergitarren und Totenkopfmasken beiseite und informierte sich sehr gründlich. Sie bildete eine eigene Expertise, was nicht ohne den Aufbau eigener Forschungsinstitute möglich war. Erst dann gelang es ihnen, ihre Argumente im Diskurs zu verankern. Die Atomlobby hingegen erstarrte und verschanzte sich hinter ihren Mythen, ihren Glaubenssätzen.

Schon die Geburt der friedlichen Atomkraft war nicht das Ergebnis einer kühlen Kosten-Nutzen-Rechnung, die angestellt wurde, um einer vermeintlich heraufdämmernden Energiekrise zu begegnen. Sie war ein ideologischer Schachzug. In dieser Klarheit fällt es in allen publizierten Darstellungen unter den Tisch. Der erste Impuls zur Offenlegung des nuklearen Geheimwissens, Dwight D. Eisenhowers Initiative “Atoms for Peace”, geht in gerader Linie aus einer Überlegung hervor, die schon vor 1953 im wissenschaftlichen Beraterumfeld des Präsidenten entsteht. Sie betrifft keine bevorstehende Energiekrise, die nur durch Atomreaktoren bewältigt werden könnte. Sie betrifft die bevorstehende Stationierung amerikanischer Atomwaffen in Europa und anderen Weltteilen. Umfragen etwa aus der BRD zeigen, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung eine solche Stationierung ablehnt – selbst zum Preis einer erhöhten sowjetischen Invasionsgefahr. Auch in den USA sorgt der Fallout nuklearer Tests für Unmut, wie auch die sich verdichtende Erkenntnis eines thermonuklearen Patts. Auch hier schwindet der Rückhalt für die Atomwaffenpolitik Eisenhowers. Die Fremdartigkeit der nuklearen Bedrohung macht sie für immer mehr Bürger zu einem inaprobaten Mittel der Sicherheitspolitik. Über diesen sehr entscheidenden Zeitraum haben wir hier schon mehrfach gesprochen.

Eisenhowers Antwort ist die Erschaffung eines “Antidots” gegen die atomare Angst. So nennt es das State Department in einem bisher nur von Kollert (Diss. FU Berlin 2002) beachteten Dokument. Es stellt noch vor der berühmten Rede vor der UN im Dezember 1953 den eigentlichen Startschuss für das Projekt einer friedlichen Atomenergienutzung dar. Dieses Projekt ist der Versuch einer begrifflichen Neucodierung, nämlich der Versuch, dem bisher ausschliesslich negativen, durch die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki geprägten Inhalt des Wortes “Atom” einen zweiten, positiven Inhalt hinzuzufügen. Ob die friedliche Kernenergienutzung wirklich funktioniert, ist in dieser frühen Phase weniger von Bedeutung als der Wunsch, das Atom als eine Kraft darzustellen, die weder gut noch schlecht ist, sondern nur auf eine kluge oder dumme Weise genutzt werden kann, zivil oder eben auch militärisch.

Noch bevor irgendwo auf der Welt ein ziviler Reaktor ans Netz geht oder überhaupt klar wäre, wie er beschaffen sein könnte, noch vor der Atomkonferenz von Genf, rollt eine vom State Department organisierte Ausstellung durch Westdeutschland und in der Folge durch zahlreiche Partnerländer. Sie macht in den Jahren 1953 und 1954 zuerst in Berlin, München, Köln, Stuttgart, Bremen und anderen Städten halt und beschreibt die nukleare Zukunft in den schillerndsten Farben. Fast alles ist zu diesem Zeitpunkt Fantasy. Von den im Modell präsentierten atomgetriebenen Fahrzeuge wird sich kaum eines jemals in Bewegung setzen. Das zentrale Ausstellungsstück, die lebensgrosse Darstellung eines Reaktors, der die Strahlung durch Glühbirnen simuliert und von verkleideten Statisten bedient wird, ist kein ziviler Kernreaktor. Es ist die Nachbildung des Hanford-Reaktors, einer typischen Maschine zur Produktion von Waffenplutonium, was jedoch keinem der deutschen Presseberichterstatter bewusst wird. Ich habe diese Presseberichte in meiner Bachelor-Arbeit vor vielen Jahren ausgewertet. Sie belegen ein erschreckendes Unverständnis für das, was sie beschreiben. Sie erinnern an die furchtsame, aber auch neugierige Begegnung isolierter Naturvölker mit Flugzeugen und Kanonen. Das Resultat ist ein atomarer Cargo-Kult in der BRD, der sich in Ländern wie Belgien, Italien oder dem Iran fortsetzen wird. Es sind Länder, die für die Stationierung von Atomwaffen an den Rändern des Sowjetimperiums vorgesehen sind. Genau hier wird die Ausstellung gezeigt. Der Zusammenhang ist keine Behauptung. Er ist, wie man so schön sagt, archivalisch fassbar.

Die friedliche Nutzung der Atomenergie ist also zu Beginn ein Glaubenssystem, nämlich eine Funktion des amerikanischen Glaubens an die Atomwaffe. Und sie konnte ihre Herkunft aus dem Glauben nie ganz ablegen. Atomkraftbefürwoter glauben auch heute noch an Dinge, für die es in der Realität keinen Beweis gibt. Dazu zählt der Glaube, es handele sich bei der Atomindustrie um ein hermetisches System, aus dem unter normalen Umständen nichts Schädliches entweiche. Kommt es doch einmal vor, so fällt es unter die Kategorie “Störfall”, als ein extrem unwahrscheinliches Ereignis, das intensiv ausgewertet wird, um neue, noch perfektere Sicherheitsvorkehrungen zu entwickeln. Dieses Bild eines zumindest prinzipiell geschlossenen Systems, eines Kreislaufs, wurde von der Atomindustrie über Jahrzehnte so inbrünstig gepredigt, dass es bis heute die Vorstellung der überwiegenden Öffentlichkeit prägt. Es tritt bis heute an den verschiedensten Stellen zutage, etwa dort, wo die Funktionsweise von Atomkraftwerken in Schaubildern zu Informations- und Lehrzwecken abgebildet wird, von atomfreundlichen wie auch durchaus atomkritischen Urhebern.

Diese Darstellungen haben stets ein gemeinsames Merkmal: Aus einem sehr deutlich als farbige Grenzschicht markierten Containment ragt nur ein einziges Detail heraus, der riesige Kühlturm, der harmlose weisse Wolken in einen unbeleckten Himmel pustet. Ein weiterer, sehr hoher und schmaler Schornstein fehlt entweder ganz oder wird von den Zeichnern stark marginalisiert, als würde er nicht zum eigentlichen Ensemble gehören. Er fehlt aber tatsächlich an keinem Atomkraftwerk in der ganzen Welt, gleich welcher Bauweise. Er wird in der Branche als Fortluftkamin bezeichnet und ist nicht etwa für den Notfall vorhanden, sondern für den Normalbetrieb, weil dieser Normalbetrieb eben nicht hermetisch erfolgen kann.

Wir reden hier über Ikonograpie, ein im Kern religiöses Thema, und ich fordere jeden Leser auf, sich durch eine Google-Bildersuche selbst davon überzeugen: Der Fortluftkamin fehlt auf den Schaubildern von Kernkraftwerken fast immer, auf den Fotographien jedoch nie. Die Kernkraftdebatte dreht sich in der Folge nicht um den Normalbetrieb von Kernkraftwerken, sondern fast ausschliesslich um die Probleme der Störfälle und der Endlagerung. Störfälle sind jedoch selten. Die Endlagerung ist kein akutes Problem, oder wird jedenfalls von Menschen, die sich nicht mit den Eigenschaften wassergefüllter Zwischenlager oder oberirdischer Castor-Behälter beschäftigen, nicht als solches wahrgenommen. Die Herausforderung mikroskopischer Eventualitäten und riesiger Zeiträume ist einfach zu abstrakt.

Die Ikonographie legt also nahe, dass es sich bei der Sache, solange sie dichthält, vielleicht doch um eine mittelfristig sinnvolle Lösung handeln könnte. Schliesslich haben auch andere Energiequellen ihre Risiken, die in Kauf genommen werden.

Man sollte aber nie glauben, was auf Ikonen zu sehen ist. Die Schaubilder, die ich nun zeige, habe ich selber zusammengestellt. Auch sie sind genau das, was man findet, wenn man auf beliebigen kommerziellen, staatlichen oder privaten Internetseiten, in Sammlungen von Schulmaterial oder universitärem Lernstoff nach Darstellungen dessen sucht, was die Atomindustrie eigentlich treibt. Es sind Darstellungen der heiligen Dreifaltigkeit aus Anreicherung, Reaktor und Wiederaufarbeitung. Was verbindet diese drei Bilder, die ich stark verkleinert habe, weil sie so ungeheuer hässlich sind (Anklicken)?

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Es ist die Kreisform. Es verbindet sie die durch Pfeile unterschiedlicher Mächtigkeit implizierte Behauptung, der verbrauchte nukleare Brennstoff würde in seiner Mehrheit wiederaufgearbeitet und erneut zu Strom gemacht. Nur ein unerheblicher Rest wird nach dieser Darstellung endgelagert.

Diese Behauptung ist in zweifacher Hinsicht falsch. Zunächst einmal wird nämlich gar kein Brennstoff endgelagert. Das hierfür erforderliche Endlager wurde noch nicht gefunden, weder in Deutschland noch in irgendeinem anderen Land. Bis dahin landet der Brennstoff in unzähligen, schlecht gesicherten und chronisch überfüllten Zwischenlagern.

Viel entscheidender ist aber die Tatsache, dass tatsächlich nur sehr wenig abgebrannter Brennstoff wiederaufgearbeitet wird. Der Anteil liegt irgendwo im einstelligen Prozentbereich. Und auch dieser Brennstoff wird nur einmal wiederaufgearbeitet, weil eine erneute Wiederaufarbeitung noch komplizierter wäre. Der nukleare Brennstoffkreislauf, um diesen zentralen Begriff zu nennen, ist also auch nach 70 Jahren ein Versprechen, das bestenfalls rudimentär eingelöst wurde. Dieses Rudiment ist die Herstellung von sogenanntem MOX-Brennstoff (Mischoxid-Brennstoff), der aus rezykliertem Material besteht, nämlich aus wiederaufgearbeitetem Uranoxid und Plutoniumoxid. Er kann nur in wenigen Reaktoren verbrannt werden, die in nicht mehr als sechs Nationen arbeiten – Russland, Frankreich, Deutschland, Belgien, Schweiz, Japan. Und auch dort wird der überwältigende Grossteil des Atomstroms auf andere, nichtzyklische Weise erzeugt. Der Grund ist die Tatsache, dass MOX-Brennstoff nicht sehr viel billiger ist als herkömmlicher Brennstoff, während seine Verwendung aber gleichzeitig Schwierigkeiten oder zumindest sehr hohe Umrüstungskosten mit sich bringt – durch die veränderte Geometrie der aktiven Zone und die spezielle Beladungsprozedur für einen Brennstoff, der bereits vor dem Einsatz tödlich ist. Eine einzige Wiederaufarbeitungsanlage im französischen La Hague deckt heute mühelos fast 100% der weltweiten Nachfrage nach MOX-Brennstoff.

Atomkraft-Enthusiasten argumentieren seit jeher, dass der Anteil dieses Brennstoffs an der Erzeugung von Atomstrom viel höher sein könnte, wenn es mehr Wiederaufarbeitungsanlagen geben würde, die miteinander konkurrieren und den Preis für rezyklierten Brennstoff nach unten treiben. Die Schuld für das Fehlen solcher Anlagen verorten sie nicht so sehr bei den hysterischen Atomkraftgegnern als bei den Politikern, denen der Mumm fehlte, die irrationalen Einwände dieser Gegner zu ignorieren. Nur weil der Brennstoffkreislauf nicht geschlossen sei, gäbe es überhaupt ein Endlagerungsproblem in diesen gewaltigen Ausmassen. Schliesslich könnte die Menge des endlagerungspflichtigen Abfalls durch die Wiederaufarbeitung auf wenige Prozent reduziert werden.

Das alles ist Glaubens-Nonsens. Zum einen wird die Menge des langfristig, also über Jahrhunderte gefährlichen Abfalls durch die Wiederaufarbeitung nicht reduziert. Sie wird multipliziert und – wie wir sehen werden – sogar in eine Form umgewandelt, die noch schwerer zu beherrschen ist. Zum anderen würde selbst für das, was nach der Lesart der Betreiber übrigbleibt, ein Endlager benötigt. Es würde also gar kein Problem gelöst. Der Grund, warum es bis heute nur so wenige Wiederaufarbeitungsanlagen gibt, sind nicht die Widerstände der Bevölkerung oder die mangelnde Durchsetzungsfähigkeit der Politik. Es sind die deprimierenden Erfahrungen, die überall auf der Welt mit ihnen gemacht wurde und in keinem Verhältnis zu ihrem Nutzen stehen. Wiederaufarbeitungsanlagen können bestenfalls für ein paar Jahre wirtschaftlich und sicher betrieben werden, bevor sie unkontrollierbar werden und stillstehen, als riesige Schrotthaufen, die noch schwerer zu entsorgen sind als die ausgedienten Reaktoren, deren Brennstoff sie verarbeiten. Ich werde in den nächsten Blogeinträgen in diese kilometerlangen verkrusteten Rohrsysteme hinabsteigen, in labyrinthische, unbetretbare Keller. Ich werde hinabsteigen in die explosiven Sümpfe, die unter solche Anlagen vor sich hin köcheln – nicht als eine Folge von Störfällen, sondern als eine unausweichliche Folge ihres Normalbetriebs. In den unzähligen gescheiterten Projekten, vom Labor-Prototypen bis zur industriellen Demonstrationsanlage, liegt der Schlüssel zum Verständnis der Atomkraftdebatte.

Wenn es in den oben abgebildeten Schaubildern überhaupt einen Pfeil geben sollte, der den Kreis schliesst, so müsste er gerechterweise sehr dünn gezeichnet werden. Daneben müsste ein sehr dicker Pfeil eingezeichnet werden, der im Nichts endet. Damit fehlt aber der Grund, dieses System überhaupt als einen Kreis darzustellen. Die Atomwirtschaft ist eine gerade Linie, die von einem desaströsen Uranabbau zu einem ungelösten Abfallproblem führt. Die Branche prägte sogar ein Kunstwort, um diese Lücke zu überbrücken. Sie spricht bei dem, was sie heute überwiegend tut, ganz offiziell von einem “Once-through Nuclear Cycle”, einem Kreis mit Anfang und Ende. Ein solcher Kreis würde ausserhalb der Atomwirtschaft kaum als ein solcher bezeichnet. Spätestens hier wird die Tragweite der religiösen Verblendung deutlich.

Der nukleare Brennstoffkreislauf ist nicht mehr als ein Traum aus längst vergangenen Tagen. In Deutschland, wo man von seiner Realisierung noch weiter entfernt ist als anderswo, hat er heute im Grunde nur noch die einzige Funktion, den Vorwand für obenstehende Schaubilder zu liefern, auf denen die Kernkraft als eine gar nicht so dumme, weil nachhaltige Idee erscheint. In anderen Ländern wird dieser Traum jedoch regelmässig zum Leben erweckt, weil er mit einem anderen unsterblichen Traum verbunden ist und immer bleiben wird, dem Traum von der Bombe. Die Verbindung verlaufen unterirdisch. Es sind die bereits erwähnten verkrusteten Rohre, unpassierbaren Keller und dampfenden blauleuchtenden Grotten der Wiederaufarbeitungsanlagen.

Steigen wir also hinab.