Link

Tupolev_Tu-95_Bear_side_view_aft_1984

 Club-K

Die erste internationale Atomkonferenz, die Geburtsstunde der zivilen Kernforschung und Kernindustrie, liegt nun fast siebzig Jahre zurück. Die historische Perspektive der Wissenschaftler und Politiker, die 1955 in Genf aufeinandertrafen, war eine ganz andere als sie es heute wäre. Sie war geprägt von der noch jungen Erkenntnis, dass nunmehr beide Seiten in der Lage sind, die jeweils andere mit thermonuklearen Waffen zu vernichten. Vor diesem Hintergrund glaubten sie, zwischen der konstruktiven und der destruktiven Art der Kernenergienutzung wählen zu müssen. Diese nicht eben selbstverständliche Behauptung, man müsse – und könne – sich zwischen ihnen entscheiden, ist das gemeinsame Glaubensfundament von Eisenhowers Initiative “Atoms for Peace”, dem Atomwaffensperrvertrag und der IAEA. Sie ist die Begründung für das Wesen der heutigen Atomindustrie. Wir werden es hier, in diesem Blog, immer wieder diskutieren.

Unser Fluchtpunkt ist ein anderer. Wir leben in einer Phase, in der das Vertrauen in den Grundkonsens der wichtigsten Nationen und Bündnisse in gewisse Spielregeln, die der Welt nach dem Kalten Krieg eine gewisse Stabilität verliehen, erschüttert wird und zwar durch Russland, das offenbar das Vertrauen in die Gerechtigkeit solcher Spielregeln verloren hat. Es strebt die Rückkehr zum Faustrecht an.

Putin will die Verhältnisse in dieser Welt aufmischen, ein Anliegen, das gerade in Deutschland vielen Menschen sympathisch erscheint. Sie sollten sich jedoch vor Augen halten, welche Gefahren er dafür in Kauf nimmt. Vieles davon bewegt sich für Menschen, die nicht an der Proliferationsdebatte teilnehmen, heute noch unterhalb des Aufmerksamkeitsradars, was in diesem Fall wörtlich zu verstehen ist. Wahrgenommen werden die museumsreifen propellergetriebenen Bomber, die seit einigen Monaten wieder über der Nordsee und dem Ärmelkanal zu beobachten sind. Sie waren die Schreckgespenster der Zeit Adenauers, de Gaulles und Churchills. Für die heutige NATO-Luftverteidigung sind sie harmlose Tontauben. Im Westen hat man sich auf die Ansicht geeinigt, es handele sich um eine nostalgische Inszenierung, die vor allem der Erbauung der Russen diene, was in diesem Fall wohl auch stimmt.

Schon im Kalten Krieg wurden allerdings auch Waffen entwickelt, die in der Lage waren, riesige Strecken im Tiefflug zurückzulegen und dabei unter dem Horizont der Radarantennen hinwegzutauchen. Die frühen Modelle waren unpräzise, weil die automatische Navigation in den unteren Atmosphärenschichten ein Problem darstellte. Eine spätere Generation, die in den 1980er Jahren stationiert wurde, beseitigte diesen Nachteil aber durch Technologien wie das “Terminal”-System und GPS. Diese neuen Marschflugkörper waren noch präziser als vergleichbare ballistische Raketen. Und genau aus diesem Grund wurden sie zum Politikum. Sie waren nun das ideale Mittel für Präzisionsschläge auf gehärtete Kommando- und Regierungseinrichtungen, die weder abgewehrt werden konnten noch eine nennenswerte Vorwarnzeit beinhalteten – was erst recht galt, wenn diese Schläge auf mittlere Distanz von 500-1000 km ausgeführt wurden, also zum Beispiel innerhalb Europas. Es war nicht die allgemeine Furcht vor dem Atomkrieg, sondern diese Angst der beiderseitigen Führungen vor einem Enthauptungsschlag, der eine Nation oder ein ganzes Militärbündnis innerhalb von Minuten führerlos und entscheidungsunfähig zurücklässt, die zur Raketenkrise der 1980er führte. Sie verwandelte Europa in ein Pulverfass mit sehr kurzer Lunte, weil fehlende Vorwarnzeiten die Gefahr von Kurzschlusshandlungen erhöhen. Die Verbannung solcher Waffen vom Kontinent durch den INF-Vertrag war ein Meilenstein in der Überwindung des Kalten Krieges.

Heute, 30 Jahre später, beginnt die russische Regierung an diesem Grundpfeiler der europäischen Friedensordnung zu rütteln. Sie bringt ein Waffensystem ins Spiel, das in der Lage ist, die auf Rüstungsbegrenzung und Rüstungskontrolle basierende “Sicherheitsarchitektur” nicht nur Europas, sondern der ganzen Welt zu destabilisieren. Genau deshalb war eine solche Waffe, die in technologischer Hinsicht keine Herausforderung darstellt, stets ein Tabu.

Die Rede ist vom System “Club-K” der russischen Waffenschmiede Novator. Ein standardmässiger 40-Fuss-Frachtcontainer, in dem die Abschussvorrichtung und die Startelektronik für vier Marschflugkörper oder ballistische Kurzstreckenraketen untergebracht sind. Die Flugkörper sind im Lieferumfang enthalten und können durch eine getarnte Luke im Dach abgefeuert werden. Die Cruise Missiles sind auch heute noch in der Lage, jedes Luftabwehrsystem zu überwinden. Sie sind aber nun auch in der Lage, unter Millionen identischer Frachtcontainer auf der ganzen Welt wie in einem Hütchenspiel zu verschwinden. Es handelt sich um eine ganz andere Dimension der Camouflage als die natürlich zahlreichen Versuche der Vergangenheit, Maschflugkörper auf militärischen Plattformen zu mobilisieren und sie dadurch unangreifbar zu machen. Sie führen zu einer völligen Aufhebung der Grenze von zivil und militärisch. Sie verwandeln einen Bananenfrachter in einen strategischen Kreuzer und einen Hinterhof in eine potentielle Raketenbasis. Wer es nicht glaubt, kann hier den zauberhaft animierten Werbefilm der Vertriebsagentur Morinformsystem-Agat sehen. Es lohnt sich.

Dieses System wurde bereits dem Iran und Venezuela zum Kauf angeboten, sicherheitspolitischen Parias mit zertifizierter Gegnerschaft zur USA. Und es ist wichtig zu verstehen, welche Bedrohungszenarien durch solche Angebote hervorgerufen werden. Eine Waffe wie die Club-K ist keine Waffe für den Dritten Weltkrieg. Selbst mit einem nuklearen Sprengkopf (der von Novator selbstverständlich nicht geliefert wird) wäre sie nicht in der Lage, eine Metropole zu zerstören oder eine vorrückende Armee aufzuhalten. Sie ist aber, wie oben beschrieben, die ideale Waffe für blitzschnelle  Enthauptungsschläge, jedenfalls dann, wenn sie heimlich bis vor die Grenzen des gegnerischen Luftraums geschmuggelt wird.  Was für Aussenstehende klingen mag wie die übergeschnappte Phantasie von unverbesserlichen “Cold Warriors”, ist exakt das Szenario, für das die Navigationssysteme solcher Marschflugkörper in den 1970er Jahren entwickelt wurden – und  der Grund, warum sie in den 1980er Jahren zum Politikum wurden.

Blick in das "Club K"-Waffensystem

Blick in das “Club K”-Waffensystem. Links die Steuerungszentrale, rechts die Flugkörper.

Russland kehrt auch auf anderen Schlachtfeldern zur geächteten Politik der “Enthauptungs-Drohung” zurück. So hat es seine U-Boot-Patrouillen vor der amerikanischen Ostküste verstärkt, verwendet dafür aber nicht, wie es zu erwarten wäre, seine grossen strategischen U-Boote, sondern die schnelleren, leiseren Jagd-U-Boote. Für sie gilt das gleiche wie für Marschflugkörper: Sie können auf keine bekannte Weise zuverlässig aufgehalten und noch nicht einmal rechtzeitig entdeckt werden. Wenn beides zusammenkommt, wenn also mit Marschflugkörpern bewaffnete Jagd-U-Boote vor der US-Küste herumschleichen, sinkt die Vorwarnzeit für Washington D.C. auf wenige Minuten. Weil es so ist, schweben etwas ausserhalb der Hauptstadt wieder die am Ende des Kalten Krieges entwickelten und bis vor wenigen Wochen eingemotteten Radarstationen, die an Blimps in einer Höhe von rund 3 km verankert sind und die einfliegenden Cruise Missiles von oben entdecken sollen. Sie werden die Vorwarnzeit kaum erhöhen, sind aber ein unübersehbares Zeichen der Klimaverschlechterung.

Während der Anführer der vermeintlichen westlichen Hegemonie auf diese Weise in Schach gehalten wird, bringt die Club-K die Kräfteverhältnisse in der übrigen Welt durcheinander. Sie ist eine Waffe für ein neues Zeitalter der asymetrischen Abschreckung. In ihm können kleinere Mächte auf sehr einfache und wirkungsvolle Weise Angst erzeugen, indem sie die Führungen sehr viel grösserer Mächte unmittelbar mit dem Leben bedrohen. Wem diese neue Gerechtigkeit immer noch sympathisch erscheint, sollte vergegenwärtigen, dass sämtliche seit dem Kalten Krieg geschlossenen Abrüstungsverträge auf der Möglichkeit basieren, ihre Einhaltung zu verifizieren. Meilensteine wie der INF-Vertrag, der vor fast drei Jahrzehnten die Grundlage für ein friedliches Europa legte, wären vielleicht nie zustande gekommen, wenn es Systeme gegeben hätte, die so unsichtbar sind wie die Club-K.

Und tatsächlich sind es diese Verträge, die Wladimir Putin und seine Chef-Ideologen lieber heute als morgen aufkündigen würden, weil sie als verlängerter Arm einer westlichen Hegemonie angesehen werden. An ihre Stelle würde sicherlich keine russische und auch keine chinesische Hegemonie treten, sondern ein Zustand der sicherheitspolitischen Anarchie. Und das dürfte nun eine Herrschaftsform sein, die der durchschnittliche bundesdeutsche Putin-Versteher eher ablehnt.

Es ist rätselhaft, warum diese Politik gerade in Deutschland auf Verständnis stösst. Schliesslich können Cruise Missiles auch von “Bear”-Bombern abgefeuert werden. Es gibt andere russische Neuentwicklungen auf dem Gebiet der Mittelstreckenwaffen, die den INF-Vertrag noch viel unmittelbarer in Frage stellen als die Club-K oder die vor der Küste kreisenden Jagd-U-Boote, die keine Jagd-U-Boote sind. Wenn es stimmt, was der Antiproliferationsexperte Jeffrey Lewis vom kalifornischen Monterey Institute hier auf seine unübertreffliche Art und Weise erläutert, wird Putin auch diese Waffen sehr bald in Stellung bringen. Sie werden vor allem anderen dazu dienen, den einzigen potentiellen Vermittler im Konflikt mit den USA zu Tode zu erschrecken, um seine Vermittlungsbereitschaft, nun ja, zu erhöhen. Dieser einzige potentielle Vermittler ist zur Zeit weiblich und wohnt, wie viele liebe und kostbare Menschen, in Berlin an der Spree.

Würde man die Trajektoren der unmittelbar verfügbaren, nach allem Wissen der Vertragsorganisationen existierenden Fern- und Massenvernichtungswaffen auf einer dreidimensionalen Karte darstellen, so lag Deutschland zwei Jahrzehnte lang unter einem riesigen Bogen, der vom Ural bis in die Rocky Mountains reichte. Die potentiellen Bahnen zogen in solcher Höhe darüber hinweg, dass man die potentiellen Raketen am Himmel nicht einmal sehen konnte. Jeffrey Lewis glaubt, dass sich das zur Zeit ändert.

Weil wir hier über Entwicklungen reden, die einen zehnjährigem Vorlauf benötigen, also Teil einer langfristigen Strategie sind, ist die Behauptung, Putin wäre in der Ukraine in etwas hineingezogen worden, aus dem er nun nicht mehr herauskommt,  schlicht naiv. Nur sind die USA an der Misere wie immer nicht unschuldig. Ihre bereits nach der Jahrtausendwende initiierte, bis heute aktive Rüstungsinitiative “Global Strike” – obschon sie nie gegen Russland gerichtet war, sondern gegen vermeintliche Schurkenstaaten – lieferte die Vorlage zu dieser fundamentalen Verkürzung der Vorwarnzeiten.

Das ist also unsere historische Perspektive, vor der ich auch das Atomproblem behandeln werde.

 

 

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>