Der lineare Kreis

 

Anlieferung des ersten kontinentaleuropäischen Atomreaktors. Flughafen Genf 1955. kontinentaleuropäischem Boden.

Anlieferung des ersten kontinentaleuropäischen Atomreaktors. Flughafen Genf 1955.

Die Atomlobby tendierte schon immer dazu, sich selbst als Partei des kühlen Verstandes zu positionieren, die einer schlecht informierten und lediglich emotionalisierten Gegnerschaft gegenübersteht. Diese Strategie entstand in einer Zeit, in der die Gegnerschaft tatsächlich eher aus einem allgemeinen Unbehagen heraus agierte, weil ihr die wirklich wichtigen Informationen fehlten. Irgendwann jedoch legten die Aktivisten ihre Wandergitarren und Totenkopfmasken beiseite und informierte sich sehr gründlich. Sie bildete eine eigene Expertise, was nicht ohne den Aufbau eigener Forschungsinstitute möglich war. Erst dann gelang es ihnen, ihre Argumente im Diskurs zu verankern. Die Atomlobby hingegen erstarrte und verschanzte sich hinter ihren Mythen, ihren Glaubenssätzen.

Schon die Geburt der friedlichen Atomkraft war nicht das Ergebnis einer kühlen Kosten-Nutzen-Rechnung, die angestellt wurde, um einer vermeintlich heraufdämmernden Energiekrise zu begegnen. Sie war ein ideologischer Schachzug. In dieser Klarheit fällt es in allen publizierten Darstellungen unter den Tisch. Der erste Impuls zur Offenlegung des nuklearen Geheimwissens, Dwight D. Eisenhowers Initiative “Atoms for Peace”, geht in gerader Linie aus einer Überlegung hervor, die schon vor 1953 im wissenschaftlichen Beraterumfeld des Präsidenten entsteht. Sie betrifft keine bevorstehende Energiekrise, die nur durch Atomreaktoren bewältigt werden könnte. Sie betrifft die bevorstehende Stationierung amerikanischer Atomwaffen in Europa und anderen Weltteilen. Umfragen etwa aus der BRD zeigen, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung eine solche Stationierung ablehnt – selbst zum Preis einer erhöhten sowjetischen Invasionsgefahr. Auch in den USA sorgt der Fallout nuklearer Tests für Unmut, wie auch die sich verdichtende Erkenntnis eines thermonuklearen Patts. Auch hier schwindet der Rückhalt für die Atomwaffenpolitik Eisenhowers. Die Fremdartigkeit der nuklearen Bedrohung macht sie für immer mehr Bürger zu einem inaprobaten Mittel der Sicherheitspolitik. Über diesen sehr entscheidenden Zeitraum haben wir hier schon mehrfach gesprochen.

Eisenhowers Antwort ist die Erschaffung eines “Antidots” gegen die atomare Angst. So nennt es das State Department in einem bisher nur von Kollert (Diss. FU Berlin 2002) beachteten Dokument. Es stellt noch vor der berühmten Rede vor der UN im Dezember 1953 den eigentlichen Startschuss für das Projekt einer friedlichen Atomenergienutzung dar. Dieses Projekt ist der Versuch einer begrifflichen Neucodierung, nämlich der Versuch, dem bisher ausschliesslich negativen, durch die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki geprägten Inhalt des Wortes “Atom” einen zweiten, positiven Inhalt hinzuzufügen. Ob die friedliche Kernenergienutzung wirklich funktioniert, ist in dieser frühen Phase weniger von Bedeutung als der Wunsch, das Atom als eine Kraft darzustellen, die weder gut noch schlecht ist, sondern nur auf eine kluge oder dumme Weise genutzt werden kann, zivil oder eben auch militärisch.

Noch bevor irgendwo auf der Welt ein ziviler Reaktor ans Netz geht oder überhaupt klar wäre, wie er beschaffen sein könnte, noch vor der Atomkonferenz von Genf, rollt eine vom State Department organisierte Ausstellung durch Westdeutschland und in der Folge durch zahlreiche Partnerländer. Sie macht in den Jahren 1953 und 1954 zuerst in Berlin, München, Köln, Stuttgart, Bremen und anderen Städten halt und beschreibt die nukleare Zukunft in den schillerndsten Farben. Fast alles ist zu diesem Zeitpunkt Fantasy. Von den im Modell präsentierten atomgetriebenen Fahrzeuge wird sich kaum eines jemals in Bewegung setzen. Das zentrale Ausstellungsstück, die lebensgrosse Darstellung eines Reaktors, der die Strahlung durch Glühbirnen simuliert und von verkleideten Statisten bedient wird, ist kein ziviler Kernreaktor. Es ist die Nachbildung des Hanford-Reaktors, einer typischen Maschine zur Produktion von Waffenplutonium, was jedoch keinem der deutschen Presseberichterstatter bewusst wird. Ich habe diese Presseberichte in meiner Bachelor-Arbeit vor vielen Jahren ausgewertet. Sie belegen ein erschreckendes Unverständnis für das, was sie beschreiben. Sie erinnern an die furchtsame, aber auch neugierige Begegnung isolierter Naturvölker mit Flugzeugen und Kanonen. Das Resultat ist ein atomarer Cargo-Kult in der BRD, der sich in Ländern wie Belgien, Italien oder dem Iran fortsetzen wird. Es sind Länder, die für die Stationierung von Atomwaffen an den Rändern des Sowjetimperiums vorgesehen sind. Genau hier wird die Ausstellung gezeigt. Der Zusammenhang ist keine Behauptung. Er ist, wie man so schön sagt, archivalisch fassbar.

Die friedliche Nutzung der Atomenergie ist also zu Beginn ein Glaubenssystem, nämlich eine Funktion des amerikanischen Glaubens an die Atomwaffe. Und sie konnte ihre Herkunft aus dem Glauben nie ganz ablegen. Atomkraftbefürwoter glauben auch heute noch an Dinge, für die es in der Realität keinen Beweis gibt. Dazu zählt der Glaube, es handele sich bei der Atomindustrie um ein hermetisches System, aus dem unter normalen Umständen nichts Schädliches entweiche. Kommt es doch einmal vor, so fällt es unter die Kategorie “Störfall”, als ein extrem unwahrscheinliches Ereignis, das intensiv ausgewertet wird, um neue, noch perfektere Sicherheitsvorkehrungen zu entwickeln. Dieses Bild eines zumindest prinzipiell geschlossenen Systems, eines Kreislaufs, wurde von der Atomindustrie über Jahrzehnte so inbrünstig gepredigt, dass es bis heute die Vorstellung der überwiegenden Öffentlichkeit prägt. Es tritt bis heute an den verschiedensten Stellen zutage, etwa dort, wo die Funktionsweise von Atomkraftwerken in Schaubildern zu Informations- und Lehrzwecken abgebildet wird, von atomfreundlichen wie auch durchaus atomkritischen Urhebern.

Diese Darstellungen haben stets ein gemeinsames Merkmal: Aus einem sehr deutlich als farbige Grenzschicht markierten Containment ragt nur ein einziges Detail heraus, der riesige Kühlturm, der harmlose weisse Wolken in einen unbeleckten Himmel pustet. Ein weiterer, sehr hoher und schmaler Schornstein fehlt entweder ganz oder wird von den Zeichnern stark marginalisiert, als würde er nicht zum eigentlichen Ensemble gehören. Er fehlt aber tatsächlich an keinem Atomkraftwerk in der ganzen Welt, gleich welcher Bauweise. Er wird in der Branche als Fortluftkamin bezeichnet und ist nicht etwa für den Notfall vorhanden, sondern für den Normalbetrieb, weil dieser Normalbetrieb eben nicht hermetisch erfolgen kann.

Wir reden hier über Ikonograpie, ein im Kern religiöses Thema, und ich fordere jeden Leser auf, sich durch eine Google-Bildersuche selbst davon überzeugen: Der Fortluftkamin fehlt auf den Schaubildern von Kernkraftwerken fast immer, auf den Fotographien jedoch nie. Die Kernkraftdebatte dreht sich in der Folge nicht um den Normalbetrieb von Kernkraftwerken, sondern fast ausschliesslich um die Probleme der Störfälle und der Endlagerung. Störfälle sind jedoch selten. Die Endlagerung ist kein akutes Problem, oder wird jedenfalls von Menschen, die sich nicht mit den Eigenschaften wassergefüllter Zwischenlager oder oberirdischer Castor-Behälter beschäftigen, nicht als solches wahrgenommen. Die Herausforderung mikroskopischer Eventualitäten und riesiger Zeiträume ist einfach zu abstrakt.

Die Ikonographie legt also nahe, dass es sich bei der Sache, solange sie dichthält, vielleicht doch um eine mittelfristig sinnvolle Lösung handeln könnte. Schliesslich haben auch andere Energiequellen ihre Risiken, die in Kauf genommen werden.

Man sollte aber nie glauben, was auf Ikonen zu sehen ist. Die Schaubilder, die ich nun zeige, habe ich selber zusammengestellt. Auch sie sind genau das, was man findet, wenn man auf beliebigen kommerziellen, staatlichen oder privaten Internetseiten, in Sammlungen von Schulmaterial oder universitärem Lernstoff nach Darstellungen dessen sucht, was die Atomindustrie eigentlich treibt. Es sind Darstellungen der heiligen Dreifaltigkeit aus Anreicherung, Reaktor und Wiederaufarbeitung. Was verbindet diese drei Bilder, die ich stark verkleinert habe, weil sie so ungeheuer hässlich sind (Anklicken)?

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Es ist die Kreisform. Es verbindet sie die durch Pfeile unterschiedlicher Mächtigkeit implizierte Behauptung, der verbrauchte nukleare Brennstoff würde in seiner Mehrheit wiederaufgearbeitet und erneut zu Strom gemacht. Nur ein unerheblicher Rest wird nach dieser Darstellung endgelagert.

Diese Behauptung ist in zweifacher Hinsicht falsch. Zunächst einmal wird nämlich gar kein Brennstoff endgelagert. Das hierfür erforderliche Endlager wurde noch nicht gefunden, weder in Deutschland noch in irgendeinem anderen Land. Bis dahin landet der Brennstoff in unzähligen, schlecht gesicherten und chronisch überfüllten Zwischenlagern.

Viel entscheidender ist aber die Tatsache, dass tatsächlich nur sehr wenig abgebrannter Brennstoff wiederaufgearbeitet wird. Der Anteil liegt irgendwo im einstelligen Prozentbereich. Und auch dieser Brennstoff wird nur einmal wiederaufgearbeitet, weil eine erneute Wiederaufarbeitung noch komplizierter wäre. Der nukleare Brennstoffkreislauf, um diesen zentralen Begriff zu nennen, ist also auch nach 70 Jahren ein Versprechen, das bestenfalls rudimentär eingelöst wurde. Dieses Rudiment ist die Herstellung von sogenanntem MOX-Brennstoff (Mischoxid-Brennstoff), der aus rezykliertem Material besteht, nämlich aus wiederaufgearbeitetem Uranoxid und Plutoniumoxid. Er kann nur in wenigen Reaktoren verbrannt werden, die in nicht mehr als sechs Nationen arbeiten – Russland, Frankreich, Deutschland, Belgien, Schweiz, Japan. Und auch dort wird der überwältigende Grossteil des Atomstroms auf andere, nichtzyklische Weise erzeugt. Der Grund ist die Tatsache, dass MOX-Brennstoff nicht sehr viel billiger ist als herkömmlicher Brennstoff, während seine Verwendung aber gleichzeitig Schwierigkeiten oder zumindest sehr hohe Umrüstungskosten mit sich bringt – durch die veränderte Geometrie der aktiven Zone und die spezielle Beladungsprozedur für einen Brennstoff, der bereits vor dem Einsatz tödlich ist. Eine einzige Wiederaufarbeitungsanlage im französischen La Hague deckt heute mühelos fast 100% der weltweiten Nachfrage nach MOX-Brennstoff.

Atomkraft-Enthusiasten argumentieren seit jeher, dass der Anteil dieses Brennstoffs an der Erzeugung von Atomstrom viel höher sein könnte, wenn es mehr Wiederaufarbeitungsanlagen geben würde, die miteinander konkurrieren und den Preis für rezyklierten Brennstoff nach unten treiben. Die Schuld für das Fehlen solcher Anlagen verorten sie nicht so sehr bei den hysterischen Atomkraftgegnern als bei den Politikern, denen der Mumm fehlte, die irrationalen Einwände dieser Gegner zu ignorieren. Nur weil der Brennstoffkreislauf nicht geschlossen sei, gäbe es überhaupt ein Endlagerungsproblem in diesen gewaltigen Ausmassen. Schliesslich könnte die Menge des endlagerungspflichtigen Abfalls durch die Wiederaufarbeitung auf wenige Prozent reduziert werden.

Das alles ist Glaubens-Nonsens. Zum einen wird die Menge des langfristig, also über Jahrhunderte gefährlichen Abfalls durch die Wiederaufarbeitung nicht reduziert. Sie wird multipliziert und – wie wir sehen werden – sogar in eine Form umgewandelt, die noch schwerer zu beherrschen ist. Zum anderen würde selbst für das, was nach der Lesart der Betreiber übrigbleibt, ein Endlager benötigt. Es würde also gar kein Problem gelöst. Der Grund, warum es bis heute nur so wenige Wiederaufarbeitungsanlagen gibt, sind nicht die Widerstände der Bevölkerung oder die mangelnde Durchsetzungsfähigkeit der Politik. Es sind die deprimierenden Erfahrungen, die überall auf der Welt mit ihnen gemacht wurde und in keinem Verhältnis zu ihrem Nutzen stehen. Wiederaufarbeitungsanlagen können bestenfalls für ein paar Jahre wirtschaftlich und sicher betrieben werden, bevor sie unkontrollierbar werden und stillstehen, als riesige Schrotthaufen, die noch schwerer zu entsorgen sind als die ausgedienten Reaktoren, deren Brennstoff sie verarbeiten. Ich werde in den nächsten Blogeinträgen in diese kilometerlangen verkrusteten Rohrsysteme hinabsteigen, in labyrinthische, unbetretbare Keller. Ich werde hinabsteigen in die explosiven Sümpfe, die unter solche Anlagen vor sich hin köcheln – nicht als eine Folge von Störfällen, sondern als eine unausweichliche Folge ihres Normalbetriebs. In den unzähligen gescheiterten Projekten, vom Labor-Prototypen bis zur industriellen Demonstrationsanlage, liegt der Schlüssel zum Verständnis der Atomkraftdebatte.

Wenn es in den oben abgebildeten Schaubildern überhaupt einen Pfeil geben sollte, der den Kreis schliesst, so müsste er gerechterweise sehr dünn gezeichnet werden. Daneben müsste ein sehr dicker Pfeil eingezeichnet werden, der im Nichts endet. Damit fehlt aber der Grund, dieses System überhaupt als einen Kreis darzustellen. Die Atomwirtschaft ist eine gerade Linie, die von einem desaströsen Uranabbau zu einem ungelösten Abfallproblem führt. Die Branche prägte sogar ein Kunstwort, um diese Lücke zu überbrücken. Sie spricht bei dem, was sie heute überwiegend tut, ganz offiziell von einem “Once-through Nuclear Cycle”, einem Kreis mit Anfang und Ende. Ein solcher Kreis würde ausserhalb der Atomwirtschaft kaum als ein solcher bezeichnet. Spätestens hier wird die Tragweite der religiösen Verblendung deutlich.

Der nukleare Brennstoffkreislauf ist nicht mehr als ein Traum aus längst vergangenen Tagen. In Deutschland, wo man von seiner Realisierung noch weiter entfernt ist als anderswo, hat er heute im Grunde nur noch die einzige Funktion, den Vorwand für obenstehende Schaubilder zu liefern, auf denen die Kernkraft als eine gar nicht so dumme, weil nachhaltige Idee erscheint. In anderen Ländern wird dieser Traum jedoch regelmässig zum Leben erweckt, weil er mit einem anderen unsterblichen Traum verbunden ist und immer bleiben wird, dem Traum von der Bombe. Die Verbindung verlaufen unterirdisch. Es sind die bereits erwähnten verkrusteten Rohre, unpassierbaren Keller und dampfenden blauleuchtenden Grotten der Wiederaufarbeitungsanlagen.

Steigen wir also hinab.

 

 

 

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