Reaktoren für Krieg und Frieden.

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Warum sollte uns der Zusammenhang von militärischer und ziviler Atomenergienutzung ein Vierteljahrhundert nach dem Ende des Kalten Krieges noch interessieren? Ich werde mir heute nichts anderes vornehmen, als diese komplexe Frage möglichst einfach zu beantworten. Es ist im Grunde die Frage nach der Herkunft des waffenfähigen Plutoniums, das die Arsenale von mittlerweile zehn Atomwaffenstaaten in der Hauptsache füllt.

Es stammt aus Atomreaktoren. Aber aus welchen?

Der grösste Teil wurde in Reaktoren erzeugt, die nur für diesen Zweck konstruiert wurden. Es gab sie, lange bevor über zivile Reaktoren auch nur nachgedacht wurde. Ihr Grundprinzip hat sich seitdem kaum verändert. In einen haushohen, aus Graphitblöcken gemauerten Würfel, der von der Vorder- zur Rückseite kreisrunde Bohrungen aufweist, werden Brennstäbe gesteckt. Ist die Zahl ausreichend, beginnen sie Neutronen auszutauschen, eine Kettenreaktion entsteht. Allen militärischen Reaktoren, auch den modernsten, ist gemein, dass die uranhaltigen, nur etwa armlangen Brennstäbe den Kern bereits nach einigen Tage oder Wochen wieder verlassen. Beim ältesten und einfachsten Prinzip werden sie an der Vorderseite von Arbeitern auf einer Hebebühne ständig nachgefüttert. Die ausgebrüteten fallen wie die Kotwürste eines Hundes aus der Rückseite in einen wassergefüllten Graben, aus dem sie herausgefischt und in ein schwimmbadgrosses Becken verbracht werden. Dort klingen sie ab, bis sie ungefährlich genug sind, um sie zu zerschneiden und aufzulösen. Die Methode ist im Vergleich zu den später entwickelten High-Tech-Lösungen verblüffend effektiv.

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Typischer Produktionsreaktor für waffenfähiges Plutonium.

Solche “Piles” produzieren nur wenig Wärme. Der weltweit erste, den Enrico Fermi am Ende des Zweiten Weltkrieges für das Manhattan Project in der Katakombe eines Sportstadions aufschichtet, ist gänzlich ungekühlt. Erst als der Hunger nach Plutonium grösser wird und die Leistung nach oben getrieben wird, strömen Wasser, Kohlensäure oder Helium in einem feinverästelten Rohrwerk durch die Anordnungen. In Grossbritannien werden die riesigen Piles 1 und 2 der Anlage in Windscale aber noch bis in die 1950er Jahre nur durch Aussenluft gekühlt. Sie wird angesaugt, durch die Brennstoffkanäle gepresst und durch einen gigantischen Schornstein ausgeleitet. Die brachiale Methode, ein atomarer Fön, ist das Resultat von begrenzten Möglichkeiten, gepaart mit maximalem Ehrgeiz: Grossbritannien, das um seinen Weltmachtstatus fürchtet, will die Atomwaffen um jeden Preis.

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“Piles” I und II, Windscale, Grossbritannien.

Filter, die den Abluftstrom von radioaktiven Partikeln reinigen, sind in der Planungsphase von Windscale zunächst nicht vorgesehen. Man vertraut darauf, dass keines der Brennelemente, es sind zehntausende, jemals beschädigt würde. Erst kurz vor Baubeginn mehren sich die Zweifel am Konzept. Der nachträgliche Einbau von Filtern bringt jedoch eine Schwierigkeit mit sich. Weil diese Filter hitzeempfindlich sind, müssen sie möglichst weit vom heissen Auspuff der Reaktoren installiert werden. Im existierenden Bauplan kommt dafür nur eine einzige Stelle in Frage. Es ist die Spitze der gewaltigen Schornsteine, die mit den Kühltürmen herkömmlicher Atomkraftwerke nicht einmal entfernt verwandt sind. Es muss aber gleichzeitig auch der Zugang zu diesen Filterplatten gewährleistet sein, weil sie regelmässig – im Grunde sogar täglich – analysiert und gewechselt werden müssen.

Die Lösung ist das markante Balkongeschoss, das über einen Fahrstuhl erreicht werden kann und den Schornsteinen ihr unverwechselbares minarettartiges Erscheinungsbild verleiht. Diese Minarette prägen, zusammen mit der glänzenden metallverkleideten Kuppel des einige Jahre später errichteten ersten “zivilen” Reaktors, bis heute die Skyline der Anlage, die den Mittelpunkt der britischen Atommacht darstellt. Diese Anlage wurde zuerst Windscale genannt. Erst später erhielt sie ihren heutigen Namen Sellafield. Auf diese Weise sollte die Erinnerung an das ausgetilgt werden, was nun folgt und für immer mit dem Namen Windscale verbunden sein wird.

Wie befürchtet kommt es beim Betrieb der Reaktoren immer wieder zum Bruch einzelner Brennelemente. Die Filter sind jedoch in der Lage, die freigesetzten Partikel zurückzuhalten. Das Selbstvertrauen der Spezialisten wächst. Und so treiben sie die Reaktoren zu immer neuen Höchstleistungen. Der Höhepunkt dieser Entwicklung wird um 1957 erreicht, als das Königreich nach der Wasserstoffbombe strebt. Dafür werden Wasserstoffisotope benötigt, die nur in Reaktoren erzeugt werden. Allerdings wurden die Windscale-Reaktoren nie für diese Aufgabe konzipiert. Ihre Belastungsgrenze wird überschritten. Und so kommt es unweigerlich zur Katastrophe. In einem der beiden Reaktoren beginnt das Graphit zu brennen. Nicht nur die Brennstäbe werden durch die Hitze zerstört, sondern auch die Filter. Die Radioaktivität dringt ungehindert aus dem Schornstein und verseucht weite Landstriche. Das völlig verstrahlte Balkongeschoss kann 17 Jahre lang nicht betreten werden. Es ist das Todesurteil für die Idee des luftgekühlten Reaktors. Beide Anlagen werden stillgelegt. Ihr Rückbau ist heute, 2015, noch immer nicht abgeschlossen.

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Heute: Rückbau des Unglücksschornsteins.

Andere Produktionsreaktoren werden weiterbetrieben und zwar in einer wachsenden Zahl von Nationen. Was sie eint, ist ihre relativ offene Bauweise, die einen bequemen Zugang zu dem ermöglicht, worum es eigentlich geht: Frisch erbrütetes Plutonium. Es eint sie aber auch die Tatsache, dass sie nur mit grössten Schwierigkeiten von der Umwelt zu isolieren sind. Für die zivile Atomenergienutzung, deren Aufbau seit dem Beginn der 1960er Jahre mit exorbitanten Forschungsgeldern vorangetrieben wird, sind sie ungeeignet. Hier werden Reaktoren benötigt, in denen der Brennstoff möglichst lange verbleibt, um eine maximale Energieausbeute zu erreichen. Was sie produzieren, ist für den Bau von Atomwaffen weitgehend ungeeignet. Es enthält einen zu hohen Anteil des Isotops 240, der das Plutonium instabil werden lässt. Eine Bombe aus solchem Material würde verschmoren, bevor sie explodiert. Deshalb werden beide Arten von Reaktoren, militärisch und zivil, parallel entwickelt.

Ein Problem ergibt sich erst nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, als sich die führenden Atommächte auf einen Abbau ihrer Arsenale verpflichten. Sie verpflichten sich damit zumindest indirekt – und tatsächlich entspricht es dem allgemeinen Verständnis – auch zum Verzicht auf die Produktion von Atomwaffen. Die Spezialreaktoren, die für die Produktion von waffenfähigem Plutonium erforderlich sind, werden damit ebenfalls überflüssig. Schliesslich besitzen beide Seiten mehr als ausreichende Vorräte mit praktisch unbegrenzter Haltbarkeit.

Die Einhaltung dieses Verzichts wurde für die Nichtatomwaffenstaaten während der letzten zwei Jahrzehnte zu einer wichtigen Voraussetzung für ihre Kooperation im Atomwaffensperrvertrag. Nur gibt es überall in der Welt, so auch in Russland und den USA, Menschen die glauben, man sollte aus Sicherheitsgründen nicht ganz auf die grundsätzliche Fähigkeit verzichten, Plutonium herzustellen und zu prozessieren. Diese Menschen suchen ihr Heil in einer technologischen Grauzone. Sie besteht aus hybriden Reaktoren, die sowohl in einer rationalen Weise zur Energieerzeugung genutzt werden können als auch nennenswerte Mengen – und sogar sehr nennenswerte Mengen – Bombenmaterial produzieren. Alle klassischen Atomwaffenmächte entwickelten solche Hybriden. Einige eher unklassische Mächte kopierten sie, um ihre nuklearmilitärischen Ambitionen im Bereich der Uneindeutigkeit zu belassen.

 

Die Schwierigkeit ist leicht zu erklären: Hybride Reaktoren müssen, um als Energiequelle effektiv zu sein, mit hohen Drücken und Temperaturen operieren, was nur in hermetischen Systemen geschehen kann. Um als Quelle für Bombenmaterial effektiv zu sein, müssen sie gleichzeitig die Möglichkeit bieten, eine Teil der Brennstäbe schon nach einigen Tagen oder Wochen zu entnehmen. In den heute ausnahmslos üblichen Leichtwasserreaktoren kann der Deckel des Druckgefässes jedoch erst nach einer tage- oder wochenlangen Abschaltung und Nachkühlung geöffnet werden. Die Operation am offenen Core wird am Grunde eines tiefen Wasserbeckens ferngesteuert durchgeführt und zwar nicht häufiger als einmal im Jahr. Wollte man mit einem solchen Reaktor Waffenmaterial produzieren, würde nur sehr selten Dampf aus den Kühltürmen steigen. Auch die unvermeidliche Strahlungssignatur solcher Kraftwerke würde sich ändern. Beides bliebe nicht lange verborgen.

Umso wichtiger sind die Hybriden. Es gab den gasgekühlten MAGNOX, eine britische Erfindung der 1950erJahre, die heute keine Rolle mehr spielt. Es gab den etwa zeitgleich entstandenen kanadischen CANDU, der heute nur noch an einem Ort eine Rolle spielt, nämlich in Indien. Dort wurde er in den 1960er Jahren, wie im Nachhinein kaum anders zu erwarten, schamlos missbraucht und lieferte das Startkapital für den Aufstieg zur Atommacht.

Bedeutender war in technologischer Hinsicht ein anderer Hybrid, der berühmte RBMK, dessen früheste Vorfahren ebenfalls in den 1950er Jahren in Russland anliefen. Krasnojarsk-26, eine bis heute aktive unterirdische Atomanlage am Jenissey, auf die wir irgendwann einmal zu sprechen kommen, spielt in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.

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Kernkraftwerk Kursk, Blick in die Reaktorhalle eines RBMK.

Fast alle grossen Atomreaktoren auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion sind RBMK-Reaktoren. Sie sind leicht zu erkennen, nämlich am kreisrunden Muster der 1500 Abdeckplatten auf dem Boden der sonst fast leeren Reaktorhalle. Jedes einzelne Brennelement steckt bei dieser Bauweise in seiner eigenen wassergekühlten Druckröhre, die durch eine solche Abdeckplatte verschlossen wird. Das Druckröhrenprinzip bringt Schwierigkeiten mit sich, vor allem hinsichtlich der Überwachung und Steuerung. Es ermöglicht aber auch die Isolation einzelner Brennelemente, während die Kettenreaktion im übrigen Reaktor unvermindert anhält. Dann kommt die kirchturmhohe Maschine zum Einsatz, die auf dem Bild rechts zu sehen ist und nur eine Handbreit über dem Hallenboden schwebt. Sie ist der eigentliche Clou. Sie kann an einem Portalkran milimetergenau über jede einzelne Röhre gefahren werden kann. Ein kompliziertes System von Saugverschlüssen und Dichtungen stellt einen hermetischen Verbund her. Eine im Innern befindliche ausgeklügelte Hebevorrichtung entfernt die Abdeckplatte, öffnet die Druckröhre, zieht das Brennelement heraus, verpackt es in einen Spezialbehälter, analysiert den Zustand der Druckröhre, setzt ein neues Brennelement ein und verschliesst die Druckröhre wieder. Zum Schluss reinigt sich die gesamte Apparatur selbsttätig von radioaktiven Verschmutzungen. Sie ist eine Meisterleistung der sowjetischen Ingenieure. Dass der RBMK seit dem Ende der kommunistischen Herrschaft dennoch aus der Mode kam, liegt daran, dass er durch falsche Bedienung leicht zerstört werden kann. Der Unfall von Tschernobyl hat es bewiesen. Wer diesen Reaktortyp heute noch baut, macht sich automatisch verdächtig.

 

 

(Kunstpause)

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Der unvollendete SNR-300 in Kalkar am Niederrhein heute.

So bleibt nur ein Reaktortyp übrig, der als hinreichend erforscht gelten kann und eine zivile und zugleich militärische Nutzung erlaubt. Es ist der mit Uran und Plutonium betriebene Brutreaktor, wie er in der Sowjetunion, in den USA, aber auch in Japan, Indien, Frankreich und Grossbritannien realisiert wurde – und wie er auch in der BRD realisiert werden sollte und doch nicht wurde. Brutreaktoren unterscheiden sich grundlegend von allen anderen Reaktortypen. Sie sind Nagasaki-Bomben in Zeitlupe. Sie arbeiten nicht mit moderierten, sondern mit schnellen oder “thermischen” Neutronen. Und sie strahlen davon so viele ab, dass sie sogar abgereichertes Uran – billigen Abfall – in erstklassiges waffenfähiges Plutonium verwandeln, wenn es nur lange genug im sogenannten “Blanket” verbleibt, der das Reaktorgefäss umgibt und auch hier die Beschickung und Entnahme im laufenden Betrieb ermöglicht.

Sehr grosse Brutreaktoren, die aber tatsächlich bis heute noch nicht gebaut wurden, würden  mehr Plu-Brennstoff produzieren, als sie selbst verbrauchen. Sie sind der Mittelpunkt des  Traumes von der geschlossenen Plutonium-Energiewirtschaft, die ihren Brennstoff bei sinkender und schliesslich ganz überflüssiger Uranzufuhr selbst erzeugt. Ein schmutziger Traum. Dennoch die reinste Erfüllung des an die Atomkraft geknüpften Versprechens einer unerschöpflichen Energiequelle. Ein Perpetuum Mobile, stark genug, um die ganze Welt anzutreiben. Wenn die Atomvisionäre der BRD in den 1950er Jahren vom “Strom zum Nulltarif” reden, meinen sie nicht etwa den Strom aus uranbetriebenen thermischen Reaktoren, wie sie heute hundertfach betrieben werden. Sie halten die globalen Uranvorräte für eng begrenzt. Sie denken an ein gigantisches Netzwerk plutoniumbetriebener Brutreaktoren. Sie unterschätzen dabei allerdings vollständig den Preis, den auch dieser Strom hat, nämlich ausschliesslich auf der Seite der Risiken. Wo diese Risiken erkannt und angemessen adressiert werden, explodieren die Kosten.

Die Risiken ergeben sich vor allem aus der extremen Geometrie. Die Zone der Energieerzeugung hat die Grösse einer bundesdeutschen Telefonzelle. Sie ist damit wesentlich kleiner als im Fall thermischer Reaktoren mit identischer Leistung. Die freigesetzte Energie und die Betriebstemperatur ist jedoch wesentlich grösser. Eine Kühlung mit Wasser ist bei solchen Energiedichten unmöglich, deshalb wird flüssiges Natrium durch den Kern gepumpt. Aus ihm ergeben sich weitere ernorme Schwierigkeiten.

Das gesamte Kühlmittel muss in einem flüssigem Zustand gehalten werden, also auch nach einer Abschaltung, die schon alleine zu Wartungszwecken notwendig ist. Daher benötigt jedes Rohr, jede Pumpe, jeder Puffer sein eigenes Heizsystem. Flüssiges Natrium ist aber ausserdem sehr aggressiv. Die Legierungen, die üblicherweise für solche Systeme verwendet werden, scheiden aus, eine Ideallösung gibt es nicht.

Wird eine Dichtung oder ein Rohr undicht und das Kühlmittel gelangt mit Sauerstoff in Kontakt, entzündet es sich. Deshalb werden die meisten Rohre und Anlagen doppelwandig ausgeführt, der Zwischenraum mit Schutzgas gefüllt. Das erhöht den Aufwand ungemein, macht eine spätere Inspektion etwa der Schweissnähte unmöglich und ist keine Lösung für den Wärmetauscher. Hier, wo die Hitze des Reaktors an den wassergefüllten Turbinenkreislauf abgegeben wird, strömen die Flüssigkeiten in einem mehrere Stockwerke hohen Rohrgeflecht unmittelbar aneinander vorbei, getrennt nur durch eine dünne Stahlwand. Weil auch dieses Wasser Sauerstoff enthält, würde schon eiin winziges Leck zu einer Explosion und zur Freisetzung des kontaminierten Natriums führen. Deshalb muss zwischen die beiden Kreisläufe ein dritter Kreislauf geschaltet werden, in dem nichtkontaminiertes Natrium zirkuliert , was viele weitere Pumpen, Verteiler, Sensoren und Temperaturregler erfordert.

Brutreaktoren sind einem groben Richtwert zurfolge zehnmal komplexer als vergleichbare thermische Reaktoren. Sie haben zehnmal mehr Komponenten, die durch einen unglücklichen Umstand ausfallen können, weshalb an jede einzelne Komponente die höchsten Qualitätsanforderungen gestellt werden. Dabei unterscheidet sich die Technik nicht nur von allem, was im konventionellen Reaktorbau üblich ist, wo es keine Tertiärkreisläufe gibt, keine beheizten oder schutzgasumhüllten Rohre. Sie unterscheidet sich überhaupt von allem, was ausserhalb der militärischen Atomwaffenindustrie bekannt und erprobt ist.

Jeder einzelne zivile Prototyp, der bis heute gebaut wurde, verschlang aus diesen Gründen etliche Milliarden. Nicht einer von ihnen erbrachte den Beweis, dass Brutreaktoren dauerhaft wirtschaftlich sinnvoll, nämlich oberhalb einer bestimmten Leistungsgrenze, betrieben werden können. Der Grund sind die zum Teil jahrelangen Stillstände wegen kleinster Pannen, die sich in einem Brutreaktor schlichtweg nicht erreignen dürfen. Die unmoderierte Plutonium-Kettenreaktion verläuft extrem schnell. Gerät der Core nur für einen Augenblick ausser Kontrolle, droht eine gigantische Leistungsexkursion. Dann bleibt eine Reaktionszeit bis zur Zerstörung des Druckbehälters, die nicht einige Minuten dauert wie im Fall thermischer Reaktoren, sondern Sekunden. Die computergesteuerte automatische Schnellabschaltung ist keine zusätzliche Sicherheit wie in konventionellen AKWs, sondern die einzige Sicherheit. Versagt der Computer im falschen Augenblick, droht ein Szenario, dessen Möglichkeit erst relativ spät erkannt wurde, nämlich Ende des 1960er Jahre. Es wird nach seinen Entdeckern als Bethe-Tait-Störfall bezeichnet. Das Plutonium wird durch eine erste Explosion in einer Ecke des Reaktorgefässes zusammengequetscht und erzeugt dort eine zweite, sehr viel stärkere, nämlich nukleare Explosion, eine prompte Überkritikalität, die das Reaktorgebäude mit der Kraft einer taktischen Atombombe zerstört und das Inventar vollständig freisetzt. Dieses Inventar wäre Aufgrund des Plutoniums so tödlich wie das von dutzenden konventionellen Reaktoren. In herkömmlichen Reaktoren ist eine explosive Freisetzung nuklearer Energie hingegen ausgeschlossen.

Der deutsche SNR-300, mit dem sich dieser Blog noch genauer befassen wird, hätte an seinem Standort in Kalkar am Niederhein trotz verschiedener Sicherheitsmechanismen die grundsätzliche Fähigkeit gehabt, Nordrhein-Westfalen und die gesamten Niederlande durch ein Ereignis zu entvölkern, das die Katastrophe von Tschernobyl um Grössenordnungen übertrifft, ein “Mega-GAU”. Er wurde nie angefahren. Der vergleichbare “Super Phenix” in Maleville, in den 1970er Jahren Zielscheibe französischer Umweltaktivisten, lief ebenfalls nur einige Jahre. Ähnliches gilt für den japanischen “Monju”-Brüter in Tsuruga. Von der Panne, die hier 1995 bereits nach wenigen Monaten zur dauerhaften Stilllegung führte, existiert sogar ein Mitschnitt einer Überwachungskamera. In Strahlenschutzanzüge gekleidete Arbeiter tasten sich durch einen Keller, der sich mit Natrium füllt.

Die UdSSR nimmt zwei grössere Prototypen stromproduzierender Brutkraftwerke in Betrieb. Hier ereignen sich gleich mehrere Natriumlecks, die sich entzünden und die zu erwartenden Verwüstungen anrichten. Nur lassen sich die sowjetischen Wissenschaftler davon nicht erschüttern. Sie halten länger an der Idee fest als ihre Kollegen in der BRD, Frankreich, Grossbritannien oder den USA, wo man nach zwei schwerwiegenden Havarien in den Prototypen EBR-1 und Fermi 1 im Jahr 1955 und 1966 schon früh die Lust an der Technik verliert. Pläne für einen neuen, supermodernen Brüter existieren zwar in den USA bis heute, dürften aber kaum Chancen auf Verwirklichung haben. Und so steht Russland mit jahrzehntelangem Vorsprung an der Spitze der Brüterforschung, die ausserdem noch von China, Indien und – mit allerdings ungewisser Zukunft – Japan betrieben wird.

Core des US-Brüters EBR-1 nach der Kernschmelze.

Core des US-Brüters EBR-1 nach der Kernschmelze.

 

Damit sind wir am Ende dieses Posts angekommen, in der Gegenwart, die noch zu taufrisch ist, um gutes Bildmaterial zu liefern. In diesem Winter wird in Russland, weitgehend unbemerkt von der Welt, zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder einen Brutreaktor angefahren, der eine ernstzunehmende industrielle Kapazität aufweist und den Sicherheitsanforderungen der Gegenwart entspricht. Jedenfalls wird er als einziges Mitglied der Brüterfamilie zur sogenannten “Dritten Generation” der Reaktoren gezählt. Diese Zählung heisst nichts. Er könnte sich ebensogut als totaler Reinfall entpuppen wie viele andere Zukunftsprojekte der Atomenergie.

Der Bau des BN-800 begann bereits in den letzten Jahren der Sowjetherrschaft. Wie im Fall aller anderen Brüterprojekte tauchten Schwierigkeiten auf, die eine Fertigstellung um Jahrzehnte verzögerten. Erst unter Putin wird erneut mit Hochdruck auf der Baustelle gearbeitet. Der Superreaktor in der Atomanlage von Belojarsk soll den Beweis liefern, dass Schnellbrüter am Ende doch wirtschaftlich arbeiten können. Ein Prestigeprojekt, mit dem sich Russland auf dem Höhepunkt einer nicht nur von Putin, sondern auch von anderen Staatenlenkern in der ganzen Welt postulierten “Nuklearen Renaissance” als technologischer Marktführer etablieren will.

Wer sich über das Projekt informiert, lernt das Fürchten. Der Spiegel (36/2012) berichtet über schwerwiegende Versäumnisse bei der Einhaltung von Qualitätsstandards, die durch den verordneten Erfolgsdruck verursacht wurden. Es ist von Schlampereien auf einer Baustelle die Rede, die nicht die geringste Fehlertoleranz aufweisen sollte. Zahlreiche Beschäftigte mit langjähriger Erfahrung hätten das Projekt verlassen, weil sie sich weigern, die Verantwortung für die Maschine zu übernehmen. Sie wurden durch unerfahrene Ja-Sager ersetzt, die den Reaktor gerade jetzt unter Volllast erproben. Schlechte Erinnerungen werden wach und lassen darauf hoffen, dass der Name Belojarsk niemals in den Medien auftauchen wird.

Neben diesen erheblichen ökologischen Risiken gibt es aber auch noch die zweite Problemdimension, die unser Thema ist. Russland behauptet, den Reaktor entwickelt zu haben, um waffenfähiges Plutonium aus sowjetischen Altbeständen zu verbrennen, die darin gespeicherte immense Energie einer friedlichen Nutzung zuzuführen und wenigstens einen Teil der immensen in die Herstellung dieses Materials geflossenen Kosten zurückzugewinnen. Ein für sich genommen sympathisches Vorhaben: Der Kalte Krieg wird verbrannt, um die Häuser der nahegelegenen Millionenstadt Jekaterinburg zu beheizen. Tatsächlich fehlt beim BN-800 der Brutring zur Erzeugung von neuem Plutonium. Neues militärisches Plutonium würde für Russland auch gar keinen Nutzen haben. Es hat genug davon.

Der Kreml will den Reaktor allerdings auch exportieren, zum Beispiel nach China, wo er bereits den Bau eines indigenen Brüters unterstützt. Weitere potentielle Abnehmer werden hinzukommen. Damit verhilft Putin in bewusster Kontradiktion der westlichen Linie nicht irgendeiner Renaissance der Atomkraft auf die Sprünge, sondern der unkontrollierbarsten und schmutzigsten Variante, der Plutoniumwirtschaft. Es ist mehr als zweifelhaft, dass diese Wirtschaft ihren Namen jemals verdienen würde. Es ist jedoch nicht zweifelhaft, dass sie ihren Besitzer in die Lage versetzen würde, Atomwaffen am Fliessband zu produzieren. Zwar könnte der BN-800 nicht ohne umfangreiche Modifikationen für solche Zwecke verwendet werden. Er könnte aber die Grundlage indigener Schöpfungen liefern, die auf dem gleichen Wissen basieren. Die Geschichte der Atomenergie zeigt, dass für das Erklimmen der jeweils nächsten Stufe nuklearer Fertigkeiten keine aussergewöhnlichen intellektuellen oder kreativen Talente nötig sind, nicht einmal eine hochentwickelte Wissenschafts- und Industrielandschaften, sondern vor allem Übung.

Russland verwandelt die Welt damit nicht in einen sichereren Ort, wie es vorgibt, sondern in einen gefährlicheren Ort. Man könnte diese Vorgehensweise als einen ökologischen Anachronismus verbuchen, eine gewisse Rückständigkeit im energiepolitischen Denken, wenn es sich nicht in unheilvoller Weise mit anderen Vorgehensweisen verbinden würde, die zum gleichen Ergebnis führen: Der sorglosen Verbreitung nuklearmilitärischer Schlüsselkompetenzen.

Eine dieser “anderen Vorgehensweisen” werde ich im nächsten Post thematisieren. Zwar werden ich dafür das Gebiet der Atomenergie verlassen. Aber genau hier liegt das Problem. Die Atomenergie kann nicht isoliert betrachtet werden.

Ende und Aus

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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