Wie alles begann, pt. II

Garching Bauer

Wie alles begann, pt. II

Da gibt es diese Geschichte, die ich gerne weitererzählen möchte. Es ist nicht die Geschichte der schweizerischen Atomforschung. Auf die werde ich mit Sicherheit zurückkommen, wenn es um mein etwas obskures Steckenpferd geht, den Betrieb unterirdischer Atomanlagen.

Der Reaktor, der auf der Atomkonferenz von Genf vor 70 Jahren die Hauptattraktion darstellte und anschliessend von der Schweiz übernommen wurde, ist für amerikanische Verhältnisse ein Spielzeug. Im Oak Ridge National Laboratory der USA steht zur gleichen Zeit das nahezu identische, 300 mal leistungsfähigere Vorbild, das für Materialtests, aber auch für allgemeine Experimente zur Kritikalität verwendet wird. Die Leistung dieses Bautyp, bei dem der Reaktorkern offen in einem Wasserbecken liegt, kann nicht beliebig gesteigert werden. Was passiert, wenn man die Grenze überschreitet, zeigt dieser hochinteressante Film eines Freilandversuches des ORNL: Das Wasser explodiert mit den Brennelementen. Zurück bleibt ein leeres Becken.

Kleinere Versionen solcher Reaktoren sind fortan ein unverzichtbares Instrument für aufstrebende “Atommächte”. Fast alle frühen Modelle werden im Gegensatz zu fast allen späteren Reaktoren mit hochangereichertem Uran (HEU) betrieben, dem Stoff, der mit primitivsten Mitteln, nämlich mit den Mitteln einer Hinterhofwerkstatt, in eine Bombe verwandelt werden kann. Keine der unzähligen Nationen, die damit in den 1950er und 1960er Jahren von den USA beschenkt werden, ist zu diesem Zeitpunkt auch nur in der Nähe der Möglichkeit, solchen Stoff selbst herzustellen. Die Forschungsreaktoren aber enthalten nicht wenig davon, zwei- bis dreistellige Kilogrammmengen, mehr als genug für den Bombenbau. Noch wichtiger ist die Möglichkeit, aus dem Verhalten dieses Materials zu lernen.

Der aus den Schweizer Bergen hallende Ruf, der Ruf des Atoms, wird besonders deutlich in der angrenzenden Bundesrepublik Deutschland vernommen. Und er wird besonders enthusiastisch in die Tat umgesetzt. Für die aufstrebende und nunmehr souveräne Wirtschaftsmacht ist die Atomkraft die begehrte Trophäe einer wissenschaftlichen und industriellen Aufholjagd, der Schlüssel zum Club der grossen Nationen. Dabei versteift sie sich schon bald auf die Rolle einer Nation, die sich nur zehn Jahre nach einem verlorenen Krieg kategorisch gegen Atomwaffen entscheidet. Die BRD wird auf diese Weise zum Musterland der friedlichen Nuklearisierung. Nur ist die Sache tatsächlich viel komplizierter.

Der alte Heisenberg.

Der Pate der bundesdeutschen Atomforschung, der alte Werner Heisenberg.

Die westdeutsche Atomforschung beginnt mit dem gleichen Namen, mit dem das erfolglose Atomwaffenprojekt der Nazis endete, dem Namen des Quantenphysikers Werner Heisenberg, der bereits in den 1920er Jahren in Leipzig die spätere Weltelite der Atomforschung ausbildete und in den 1940er Jahren ebendort seine erste “Uranmaschine” konstruierte. Nach dem Krieg propagiert er als erster Atomberater Konrad Adenauers schon früh die Gründung eines zentralen staatlichen Atomlabors nach dem Vorbild der amerikanischen Nationallabore. Das deutsche Los Alamos soll an der Isar entstehen, etwas unterhalb von Heisenbergs Heimatstadt München. Und es soll das einzige Labor dieser Art sein. Heisenberg propagiert die Idee einer streng zentralistischen, staatlichen Atomforschung. Diese soll unter dem Dach der bundesnahen Max-Planck-Gesellschaft monopolisiert werden, dem Erben der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft für Physik und damit des unseeligen “Uran-Vereins”, dem Heisenberg und Carl-Friedrich von Weizsäcker angehört hatten. Dieses Vorhaben scheitert jedoch an der föderalen Struktur der Bundesrepublik. Das Labor entsteht schliesslich nicht in Bayern, sondern im baden-würtembergischen Karlsruhe. Und es wird auch nicht das einzige bleiben.

Im Kernforschungszentrum Karlsruhe wird zunächst einmal der gleiche Bautyp realisiert, den Heisenberg für die Nazis entwickelte, der mit Natururan betriebene Schwerwasserreaktor, der mit den heute üblichen Leichtwasserreaktoren nur wenig gemein hat. Er hat gegenüber allen anderen Reaktorbauweisen den Vorteil, das Monopol der Amerikaner für angereichertes Uran zu umgehen und der BRD den Weg für einen nationalen nuklearen Alleingang zumindest prinzipiell zu ebnen. Leider hat er darüber hinaus nicht sehr viele Vorteile. Wir werden darauf zurückkommen, wenn wir die Hauptlinie unserer Erzählung verfolgen.

Genf Garching Swimmingpoo

Zuvor aber erfreuen wir uns zum letzten Mal der Atomforschung im Stande der Unschuld. Dabei spielt die oben abgebildete Neutronenquelle vom Wasserbeckentyp noch einmal die Hauptrolle. Nobelpreisträger Heisenberg grübelt über seinem Schwerwasser-Kolloss, der bis auf die letzte Schraube in Deutschland konzipiert und mit deutschem Brennstoff betrieben werden soll, genauer mit Natururan aus dem Schwarzwald oder dem Fichtelgebirge, nämlich etwas zu lange. Und so wird ihm die Ehre, den ersten Forschungsreaktor auf deutschem Boden in Betrieb zu nehmen, den “FR-1″, vor der Nase weggeschnappt, nämlich vom Freistaat Bayern und einem Wissenschaftler, der eigentlich nicht zur ersten Liga der internationalen Atomforschung gehört und nach Ansicht einiger Zeitgenossen in unpassender Weise vorprescht. Heinz Maier-Leibnitz, Direktor der Technischen Hochschule München, fädelt schon kurz nach der Genfer Konferenz einen sehr vorteilhaften Deal mit den Amerikanern ein, wodurch er das ehrgeizige Projekt einer autonomen deutschen Atomforschung untergräbt. Schliesslich ist auch dieser Reaktor, der mit dem Genfer Demonstrationsreaktor weitgehend identisch und rund 40 mal leistungsfähiger ist, ohne das von den USA gelieferte HEU wertlos.

Heinz Maier-Leibnitz vor einer Skizze des FRM.

Der “Forschungsreaktor München” entsteht an der Isar nur wenige Kilometer von der Stelle entfernt, an der Heisenberg seinen Schwerwasserreaktor errichten wollte. Die Universität, die Stadt München und die bayerische Regierung tun viel, um für die importierte Maschine nicht nur eine zweckmässige, sondern geradezu feierliche Umgebung bereitzustellen. Das “Atomei” von Garching ist der Aachener Dom der deutschen Atomforschung. Die futuristische Kuppel wird mit Metallplatten verkleidet und ähnelt den erst später eingeführten explosionsresistenten Betonkuppeln heutiger Kraftwerke nur augenscheinlich. Sie hat den Schutzfaktor eines Kirchendachs.

Garching Best

Diesen Post habe ich im Grunde nur geschrieben, um dieses Bild zeigen zu können. Zum Vergrößern anklicken.

Wie eine Zeremonie, wie die Überführung einer Reliquie, ist auch die Inbetriebnahme der Anlage. Die Brennelemente, Platten aus hochangereichertem Uran, landen an Bord einer amerikanischen Militärmaschine auf dem Münchener Flughafen und werden über Nacht in einem Banktresor in der Innenstadt gelagert. Erst am nächsten Morgen werden sie im bewachten Konvoi nach Garching gefahren, die Strasse gesäumt von Pressevertretern aus dem ganzen Land, lokalen Honoratioren und vielen Schaulustigen. Nachdem die Elemente am Boden des Beckens installiert und von der ferngesteuerten Hydraulik in Position geschoben wurden, leuchtet das kalte blaue Licht zum ersten Mal auch in Deutschland. Der Neutronenstrahl fällt fortan durch ein Rohr auf die Experimente im Nebenraum, wo harmlose Materialtests durchgeführt werden. So friedlich arbeitet der Reaktor bis zum Jahr 2000, als er durch eine modernere Neutronenquelle ersetzt wird.

Heisenberg wird seine Niederlage schliesslich verwinden. Er wird sich von der Kernspaltung abwenden und ein Labor für die Erforschung von Fusionsreaktoren gründen. Dieses Labor wird in Garching gleich neben dem Gelände der TU München entstehen, ohne mit diesem irgendwie verbunden zu sein.

Das war er, der letzte Moment der Unschuld, der seinen unschuldigsten Ausdruck vielleicht im bis heute fortbestehenden Wappen der Stadt Garching gefunden hat. Der erste deutsche Forschungsreaktor, verewigt wie eine mittelalterliche Moschee, ein Tempel der Weisheit und Reinheit.

garching wappen

EPILOG:

Eine der wichtigsten Aufgaben der IAEA sowie der nationalen Atombehörden, hier insbesondere der amerikanischen Behörden, und einer der wichtigsten Tagespunkte auf den von Obama initiierten, auf der Ebene der Staatschefs durchgeführten nuklearen Sicherheitstreffen ist die Rückführung des waffenfähigen hochangereicherten Urans aus den Forschungsreaktoren der 1950er und frühen 1960er Jahre in das Herstellerland USA. Alleine aus der BRD wurden auf diese Weise im Laufe von anderthalb Jahrzehnten über 1000 HEU-Brennelemente in die Vereinigten Staaten zurücktransportiert, woran die Grössenordnung des Problems ersichtlich werden mag. Die Suche führt die Beamten aber auch bis in die entferntesten Winkel der Welt, in Länder mit einer schlecht entwickelten oder gar nicht mehr vorhandenen Wissenschaftslandschaft, in denen die Metallklötze immer noch zu den kostbarsten Nationalkleinodien zählen. Die Verhandlungen sind nicht immer ganz einfach. Die Rückholaktion kostet viel Geld.

Barrack Obama, der auf dem letzten Nuklearsicherheitstreffen im Februar 2014 verkündete, die Angst vor nuklearem Terrorismus raube ihm nachts den Schlaf, kürzt im gleichen Jahr den Haushalt der zuständigen Bundesbehörde NNSA für die globale Sicherung brisanter Spaltmaterialien um 18%. Es ist die dritte Kürzung in Folge, die dafür sorgen wird, dass weniger Bombenmaterial sichergestellt werden kann als im Vorjahr. Sie steht in einem krassen Widerspruch sowohl zur verbleibenden Menge dieses Materials, nämlich etwa der Hälfte, wie auch zur Aufstockung des sonstigen Budgets der gleichen Behörde, die sich darüber hinaus vor allem mit der Atomwaffenforschung beschäftigt. Wer sich in der Szene auskennt, erkennt nun, was dieser Widerspruch über Obamas Handlungsspielräume aussagt.

Alle anderen werden es verstehen, wenn sie meinem Blog weiter folgen.

 

 

 

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