Wie alles begann, pt. I.

Im August 1955 wird im Gebäude des Völkerbund am Ufer des Genfer Sees eine Ausstellung eröffnet, über die Zeitungen und Wochenschauen in aller Welt berichten. Im Ausstellungstrakt des “Palais des Nations” führen zahlreiche Exponate in die Grundprinzipien der Atomenergie ein. Die eigentliche Attraktion befindet sich aber in einer provisorischen Halle, die im angrenzenden Park errichtet wurde. In ihr schiebt sich während der folgenden Wochen ein nicht enden wollender Besucherstrom an einem Wasserbecken von der Grösse eines Whirlpools vorbei. Wie hypnotisiert starren die Menschen in das blaue Licht, das aus einer Tiefe von 7 m heraufscheint. Es ist ein fahles, kaltes Licht, wie es die Welt noch nicht gesehen hat.

Genf Besucher
1955: Besucher am Genfer “Sapphire”-Reaktor

Es dringt aus dem ersten und zugleich letzten echten Atomreaktor, der jemals vor Publikum betrieben wird. Zwar hat er mit den späteren Leistungsreaktoren zur Stromproduktion nur wenig gemein, weshalb das im Becken enthaltene Wasser als Abschirmung genügt. Seine Neutronenstrahlung ist aber immerhin stark genug, um eine herabbaumelnde Angelschnur innerhalb weniger Stunden zu zerstören.

Genf Core
Der Core des Sapphire-Reaktors in Aktion

Der Reaktor und seine uranhaltigen Brennelemente wurden zuvor per Flugzeug aus den USA geliefert. Treibende Kraft hinter der Ausstellung ist die Propaganda-Abteilung des State Department. Die USA sind auch die treibende Kraft hinter dem, was den Anlass für diese Ausstellung liefert. Es ist die gleichzeitig im Völkerbundpalast stattfindende internationale Atomkonferenz, die erste ihrer Art, der weitere folgen werden. Wissenschaftler und Politiker aus ein paar Dutzend Ländern, darunter Vertreter der Sowjetunion, beraten über die Frage, wie der schnellstmögliche Aufbau einer zivilen Atomindustrie realisiert werden kann. Den Anstoss für diese Entwicklung lieferte zwei Jahre zuvor US-Präsident Dwight. D. Eisenhower. In seiner berühmten “Atoms for Peace”-Rede vor der UN-Vollversammlung kündigte er damals an, dass die USA einen Teil ihrer sorgsam gehüteten Atomgeheimnisse teilen werden und zwar mit allen Nationen, die an einer friedlichen Verwendung dieses Wissens interessiert sind. Genau das passiert in Genf, wo tausende Papiere mit Informationen, die bis dahin als streng geheim eingestuft und nur einem winzigen Personenkreis zugänglich waren, vervielfältigt und weitergereicht werden.

Die entfesselte Urkraft, die Hiroshima und Nagasaki zerstörte, soll zum Segen der ganzen Menschheit werden. Sie soll Hunger und Armut beseitigen und die Abhängigkeit von Rohstoffen überwinden. Sie soll Krankheiten heilen und die Forschung beflügeln. Sie soll die Gründe für das Führen von Kriegen und damit die Gründe für die Entwicklung von Atomwaffen beseitigen. Zivile Atomkraft als Antidot zur militärischen Atomkraft.
Eisenhower stellt die Menschheit vor die Wahl zwischen zwei Alternativen – Reaktoren oder Bomben. Dass es eine dritte Alternative geben könnte, nämlich eine Welt, in der die Zahl der Reaktoren ebenso stetig zunimmt wie die der Bomben, aber auch eine vierte, nämlich eine Welt ohne Atomkraft, wird seltsamerweise verdrängt, für Jahrzehnte, in den USA, aber auch zum Beispiel in der Schweiz.

Der Reaktor ist nämlich nach der Ausstellung zu stark verstrahlt, um in die USA zurückzutransportiert zu werden. Also wird er zum Spottpreis an den Gastgeber verkauft. Der versetzt ihn nach einer angemessenen Abklingzeit nach Würenlingen vor den Toren Zürichs, wo er zur Keimzelle eines nationalen Atomforschungszentrums wird. Die kleine Schweiz ist damit nach Frankreich das zweite kontinentaleuropäische Land, das eine solche Maschine besitzt. Und die Eidgenossen reagieren enthusiastisch auf diese Tatsache. Auf dem Weg ins nukleare Zeitalter erliegen sie um ein Haar der Versuchung, Atomwaffen zu entwickeln und sich die militärische Autarkie zu verschaffen, die sie nicht erst seit dem Zweiten Weltkrieg begehren.
Schon die Schweiz liefert also im Grunde den Beweis dafür, dass Eisenhowers Rechnung nicht aufgeht. Zahllose weitere werden folgen. Einige werde ich in diesem Blog behandeln.

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